In den letzten Wochen haben wir uns einen Haufen Websites unterschiedlichster Unternehmen und Non-Profit-Organisationen für den Aufbau unserer priomy.map angesehen. Dabei stellten wir mit Erschrecken fest, das die erschlagende Mehrheit – sagen wir gefühlte 90 Prozent – in keiner Weise sichtbar machen, WIE sie zusammen arbeiten. Hie und da finden sich ein paar wohlfeile Worte zu den Werten oder über das Leitbild, wobei böse Zungen zu erkennen glauben, dass da gerade eine Copy-Paste Welle grassiert. Diese mangelnde Transparenz und Authentizität hat fatale Folgen.

Das neue Universalgesetz: Fachkräftemangel

Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Fast überall wird aktuell mal wieder über den angeblich omnipräsenten Fachkräftemangel gejammert. Das ist die große Chance für die Geschäftsführungen und Vorstände, anderen oder anderem die Schuld in die Schuhe zu schieben. Der Markt sei leergeräumt. Man muss sich den deutschen Arbeitsmarkt mittlerweile als öde Wüste vorstellen, in der es keine Menschen mehr gibt. Trostlose Leere. Alle arbeitsfähigen Menschen sind schon hinter den Mauern anderer Arbeitgeber verschwunden und dort ausnahmslos glücklich und nicht eine Sekunde wechselbereit. Niemand, absolut niemand von denen käme je auf die Idee, auch nur über einen neuen Arbeitgeber nachzudenken.

Das andererseits immer wieder und wieder eine Studie nach der anderen zeigt, dass es eben nicht die Minderheit der Arbeitnehmer*innen ist, die mit ihrer aktuellen Stelle unzufrieden sind, spielt für die Apologeten des Fachkräftemangels nicht die geringste Rolle. Denn wenn sie auch nur von einem Drittel der häufig beschriebenen unzufriedenen Arbeitnehmenden ausgehen würden, müssten sie sich wohl oder übel Gedanken machen, wie sie mit diesen Menschen im ersten Schritt ins Gespräch kommen, um sie im zweiten von den Vorzügen des eigenen Unternehmens zu überzeugen.

Also wird ein konsistentes Trugbild aufgebaut, ein kollektiver Selbstbetrug. Es gibt zu wenige Fachkräfte insgesamt, es ist also ein Ausbildungsproblem. Zudem sind die, die es gibt, vom Markt wegrekrutiert und anderswo bis ans Ende Ihrer Tage glücklich. Ab und an wird auch noch gesehen, dass es sich um strukturelle Probleme handelt: zu niedrige Gehälter in dafür viel zu teuren Umfeldern, was typischerweise in sozialen und Gesundheitsberufen gilt (Sozialarbeiter*innen, Pfleger*innen in Großstädten mit explodierenden Mietkosten) oder ein zu unkultiviertes Umfeld für kulturell interessierte Wissensarbeiter*innen (typischerweise auf dem Land, irgendwo in der Walachei, galt zum Beispiel für mich). Aber daran können die auf Gewinnmaximierung getrimmten privatwirtschaftlichen Altenheime und Krankenhäuser nichts ändern, denn sie können ihren Mitarbeiter*innen keine anständigen Gehälter zahlen, da das ihren Investoren keine monetäre Erektion verschaffen würde (vermutlich größtenteils Männer, die da investieren). Also: No way out! Für diese Misere kann man und frau dann letztlich den Universalschuldigen an den Pranger stellen: Die Politikerkaste.

Was Fach- und Führungskräfte wollen: Transparenz und Authentizität

Der Nebel lüftet sich unter anderem mit den Einsichten der Studie „Jobs nach Maß. Was Fach- und Führungskräfte wollen“, 2016 veröffentlicht vom Jobportal Stepstone. Ein Ergebnis, dass in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielt: 83% würden auch eine bezüglich des Jobprofils passende Stelle nicht antreten, wenn Sie merken würden, dass die Lücke zwischen der Außendarstellung eines Arbeitgebers und seinem tatsächlichen Sein während der Bewerbungsphase und Probezeit zu groß ist. 83%. Nicht 10 oder 20 oder 50, nein: Mehr als Vier Fünftel!

Etwas mehr Transparenz wäre doch sehr wünschenswert…

Selbst wenn wir das kritisch einschätzen und nur von der Hälfte ausgehen, dann sind immer noch eine ganze Menge Arbeitnehmer*innen daran interessiert, dass Sein und Schein ihres Dienstherren (tolles Wort, passt unfassbar gut zur schönen neuen Arbeitswelt ;-) einigermaßen plausibel zusammenpassen und niemand zu einem täglichen, gerüttelten Maß an kognitiver Dissonanz und Verdrängung gezwungen wird. Wer auf der Website liest, dass hier der Mensch im Mittelpunkt steht, dass Wertschätzung wichtig sei, Vertrauen oder Eigenverantwortung, nur um dann das genaue Gegenteil zu erleben, der und die könnte sich gegebenenfalls verarscht fühlen – um es trefflich zu formulieren anstatt politisch korrekt um den heißen Brei herumzureden.

Du, der Du diesen Text jetzt liest – halte inne, und frage Dich selbst: Was willst Du? Auf der Website des Unternehmens lesen, dass sich hier die Menschen vertrauen, um dann jeden Tag Micromanagement zu erleben? In neuen, demokratischen und selbstorganisierten Arbeitskontexten geht es vor allem um eine multidimensionale Passung zwischen Arbeitgebern und -nehmer*innen. Da muss längst nicht mehr nur die Ausbildung und bisherige Berufserfahrung zum Jobprofil passen, sondern es braucht insbesondere eine Passung zur jeweiligen Organisationskultur. Und woher weißt Du, ob eine Bewerbung bei X oder Y im Sinn einer Passung überhaupt in Betracht zu ziehen ist? Oder umgekehrt, wenn Du Arbeitgeber*in bist: Wie stellst Du sicher, dass sich bei Euch vor allem diejenigen melden, die grundsätzlich zu Eurer Kultur und allen damit verbundenen Aspekten passen?

Wer eine besondere Kultur hat, sollte es zeigen

Und damit sind wir bei meiner eingangs beschriebenen Beobachtung. Wenn irgendein mittelständisches Unternehmen denselben Ritualen einer uniformierten Unternehmenskultur frönt, dann ist es wohl besser, diese Austauschbarkeit nicht zu sehr an die große Glocke zu hängen. Dann veantwortet man (vermutlich meistens Männer) aus der Geschäftsführung, dass es einfach gar keine Information über das Unternehmen gibt. Und da niemand nicht kommunizieren kann, ist das eine wunderbar vieldeutige Nachricht, die den fehlenden Fachkräften sofort klar macht, dass er oder sie hier irgendeine Spielart Leipzigers Allerlei zu erwarten hat. Vielleicht steckt dahinter die Annahme, dass auf diesem Wege mehr Menschen angesprochen werden und somit die Auswahl unter den Bewerber*innen größer ist, als wenn man schon von Anfang an Filter setzt.

Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn Dein / Euer Unternehmen nicht nur die üblichen Werte-Plattitüden wie eine barocke Monstranz vor sich herträgt, sondern ein etwas individuelleres Werteset erarbeitet hat und das obendrein wirklich lebt. Und zwar unter der Maßgabe demokratischer Teilhabe in der Führung und Gestaltung des Unternehmens. Das ist immer noch die Ausnahme, auch wenn wir priomys überrascht sind, alleine bis jetzt schon weit über hundert entsprechende Organisationen gefunden haben. Selbst 1000 von weit über 3 Millionen deutscher Unternehmen wären nur 0,03%. Ihr seid also die Diamanten in der unternehmerischen Erzgrube.

Wie wollt Ihr erstens überhaupt Fachkräfte anziehen und zweitens noch die (kulturell) passenden, wenn ihr euch nicht mit all dem, was Euern individuellen, partizipativen Charakter ausmacht, zeigt? Wenn Ihr nicht gegen die astronomischen Bestechungsgelder von Google und Facebook antreten könnt, seid ihr nicht allein; insbesondere, wenn ihr KI oder ähnlich heißbegehrte Expert*innen sucht. Soll es das Schicksal richten, der Zufall oder der liebe Gott? Nein, im Gegensatz zu diesen überwachungskapitalistischen Datenverwertungsmaschinen habt ihr mit Sicherheit einiges zu bieten, was Brin, Page und Zuckerberg gar nicht bieten wollen. Aber das muss sichtbar sein! Also ran an Euren Webauftritt, zeigt her Eure Kultur.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Screenshot priomy Website
  • Operation: Pixabay License, redaktionelle Nutzung
  • Transparenz: Pixabay License
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