Nachdem am 11. Februar 2019 bekannt wurde, dass die Verantwortlichen der XING SE vorhaben, sich in New Work SE umzubenennen, schlugen die Wellen in der Filterblase hoch. Ich kann nicht verhehlen, dass bei mir ebenfalls der Blutdruck stieg. Ich hatte spontan das elende Gefühl, dass XING vorhat, uns etwas Essentielles wegzunehmen. Uns, das sind die Menschen, die sich seit Jahren intensiv mit „New Work“ beschäftigen, sich eine Menge Gedanken dazu machen und sich dafür einsetzen. Nachdem gut eine Woche vergangen ist, seither viele Menschen gescheite Meinungen zu dem Thema veröffentlichten und ich etwas Zeit zum Nachdenken hatte, hat sich an meinem Gefühl wenig geändert. In mir gärt weiterhin der Gedanke, dass sich ein Unternehmen radikal eines Begriffes bemächtigt, der nicht zu ihm gehört, zu dem es bisher inhaltlich wenig beigesteuert hat. Freilich kann ich nicht ausschließen, dass ich das alles falsch deute, was da augenblicklich bei XING passiert. Und wenn ich nicht sicher bin, ob ich etwas korrekt verstehe, dann habe ich die Angewohnheit nachzufragen, daher nochmal: „XING, was versteht Ihr wirklich unter New Work?“

Das Wort „nochmal“ schreibe ich deshalb, weil ich diese Frage letzte Woche schon einmal in ähnlicher Form an XING twitterte:

Und es gab eine erste Antwort darauf. Die allerdings verstärkte mein mieses Gefühl nur. Warum? Lest selbst:

 

 

Sollte ich dieses Marketingsprech ernst nehmen? Nunja, ich fragte nach:

 

Darauf antwortete niemand mehr. Bedeutet dieses Schweigen Zustimmung? Heißt das, dass Ihr von XING dazu nichts zu antworten wisst? Dann würde das mein mieses Gefühl und meine Vermutung bestätigen. Denn bisher sehe ich wenig in dem, womit Ihr Euch positioniert, das darüber hinausgeht, was der Begründer der New-Work-Bewegung Frithjof Bergmann so treffend mit diesem Satz formulierte: „Für viele ist New Work etwas, was Arbeit ein bisschen reizvoller macht, quasi Lohnarbeit im Minirock“. Ich nenne das die #Verbällebadisierung der Arbeit: Den Arbeitsplatz ein wenig attraktiver gestalten, einen Tischkicker aufstellen, Flexzeit und Homeoffice einführen und den Hund mitnehmen. Das hat allerdings wenig damit zu tun, was Frithjof Bergmann, mit dem Ihr Euch so gerne schmückt, unter New Work versteht. Und daher freue ich mich sehr, dass er sich selbst zu Wort gemeldet hat.

„Wenn Xing den neuen Namen New Work nutzt, trägt es auch eine ernstzunehmende Verantwortung, meine Vision von einer Suche nach dem Wirklich-Wirklich-Wollen der Menschen zu unterstützen und zu stärken.“ (Frithjof Bergmann bei haufe.de)“

Seine Ideen gehen weit über das hinaus, was die meisten unter New Work verstehen und sie sind bestimmt nicht einfach von heute auf morgen umzusetzen. Wenn wir aber nicht einmal anfangen, ernsthaft an der Realisierung dieser Vision zu arbeiten, wenn wir weiterhin nur dem oben zitierten „Minirock“ hinterhergeifern, wenn wir weiterhin nur die New-Work-Kuh melken, indem wir alten Restrukturierungs-, Teambuilding- und Effizienzsteigerungsmist als den heißesten New-Work-Scheiß verkaufen, dann wird sich nichts in die Richtung bewegen, was Bergmann als Ziele definiert:

  • Keine Armut mehr
  • signifikante Reduzierung der Arbeit, die Körper und Geist lähmt
  • enorme Steigerung der ernsthaft ausgewählten Arbeit, die das Bewusstsein fördert und Körper und Geist stärkt – „Arbeit, die du wirklich, wirklich willst“.
  • Die Lücke zwischen Armut und Reichtum schließen (1. Tsunami)
  • Stopp/Reduktion des Klimawandels (2. Tsunami)
  • Aufhören, natürliche Ressourcen zu verschwenden (3. Tsunami)
  • Aufstieg einer neuen Kultur (4. Tsunami)

„Diese neue Kultur wird viel intelligenter sein (weit weniger verschwenderisch), viel menschlicher (mit wesentlich weniger Armut als heute) und auch fröhlicher (weil viel mehr Menschen eine Arbeit tun, die sie wirklich tun wollen – die im Idealfall sogar ihre Berufung ist).“ (Von der Bergmann-Website newwork.global)

Und nun würde ich gerne wissen: Ist XING bereit, die von Bergmann eingeforderte gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und etwas dafür zu tun? Mit einer elitären Veranstaltung und ein bisschen kuratiertem Content zum Thema „New Work“ ist es sicher nicht getan. Also, jetzt mal Butter bei die Fische, wie ihr da oben in Hamburg so schön sagt!

 

Lesetipp:
Eine Zusammenfassung von Bergmanns Ideen, findet Ihr auch in der Rezension von Bergmanns Buch „Neue Arbeit, Neue Kultur“ bei Zeuchs Buchtipps

Titelbild:
Pixabay (CC0 Creative Commons) bearbeitet

Quellen:
haufe.de: Xing-Umfirmierung sorgt für Diskussionen: https://www.haufe.de/personal/personalszene/xing-se-wird-zu-new-work_74_483782.html

Pressemeldung XING: https://corporate.xing.com/de/newsroom/pressemitteilungen/meldung/die-xing-se-wird-zur-new-work-se/

 

 

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