In meinem letzten Beitrag vom Januar 2019 bin ich grundsätzlich auf das Thema Teilzeitarbeit bzw. Reduktion von Erwerbsarbeit eingegangen. Heute folgen die im damaligen Blogpost versprochenen Fallbeispiele. Natürlich gibt es einerseits schon genug Arbeitgeber, die Teilzeitarbeit zulassen oder sogar willkommen heißen. Deshalb werde ich in diesem Beitrag keine 08/15 Beispiele bringen, sondern besonders auffällige Beispiele, gewissermaßen zur intellektuellen Kontrastierung. Es geht darum zu sehen, was möglich ist. Mit anderen Worten und ganz trivial: Auch für die Reduktion der Erwerbsarbeit hin zu irgendeiner Form von Teilzeitarbeit gilt: Wo ein Willle, da ein Weg.

Grundsätzlich muss die Thematik der Teilzeitarbeit von zwei Seiten her beleuchtet werden. Arbeitgeber und -nehmer*innen. Haken kann es auf beiden Seiten. Ich konzentriere mich hier einstweilen auf die Arbeitgeber – auch weil es einfacher ist, dazu entsprechende Fallbeispiele zu finden.

Teilzeit Fallbeispiel #1: Basecamp, USA

Die Softwareentwickler mit der Zentrale in Chicago wurde 1999 gegründet und haben mittlerweile 54 Mitarbeitende. Dort gibt es offiziell die Empfehlung der 32 Stunden Woche. Das entspricht der Reduktion einer für Amerika üblichen Regelarbeitszeit von gut 40 Wochenstunden um satte 20%. Und zwar nicht als Teilzeitstelle definiert, sondern als durchschnittliche Regelarbeitszeit. In der praktischen Umsetzung erklärt David Heinemeier Hansson, einer der Gründer, werden 40 Wochenstunden gearbeitet und im Sommer allgemein auf 32 reduziert. Hinzu kommt alle drei Jahre ein bezahltes einmonatiges Sabbatical für alle.

Dabei ist Basecamp bezüglich des Kundenstamms nicht gerade klein. Immerhin haben sie rund 100.000 Kunden, die ihre Software nutzen. Da kommt schon einiges an Arbeit auf. Und doch prahlt dort niemand mit 80, 90 oder mehr Wochenstunden. Wichtig ist vor allem eins, damit das funktioniert: „Sie müssen Ihre Zeit gegen die Belange und Bedürfnisse anderer verteidigen.“, sagt Hansson im Interview mit der Zeit Online (Balzer, A.-S. 2018)

https://basecamp.com

Teilzeit Fallbeispiel #2: Tower Paddle Boards, USA

In dieser Firma stellen rund 10 Mitarbeitende Paddelboote her und verkaufen sie online. Aktuell beläuft sich die Arbeitszeit dort von 8 – 13 Uhr. Das sind gerade mal 25 Wochenstunden, bei uns wäre das knapp mehr als eine halbe Stelle. Der Witz auch hier: Es funktioniert, und zwar bestens. Und wie kam es dazu? Eine interessante Geschichte: Der Gründer und Inhaber Stephan Aarstol ärgerte sich irgendwann über das Mittagessen bei der Arbeit. Einerseits nervte ihn die im Vorfeld während der Arbeitszeit laufende Organisation des Mittagessens: Wann geht wer mit wem wohin essen? Ach ja, und dann aßen einige im Büro, andere gingen auswärts essen, und wieder andere aßen überhaupt nicht. Das erschien Aarstol einigermaßen unfair. Und so kam er auf die Idee mit den 5 Stunden ohne Mittagspause, denn die kann man und frau im Allgemeinen gut aushalten, ohne zu kollabieren oder vor Unterzuckerung aggressiv zu werden.

Aber es kommt noch besser: Heute wird weniger gearbeitet und mehr verdient! Und zwar erhöhte sich der Lohn im Falle von 40.ooo Euro Jahresgehalt auf 48.000. Wie bitte? Wie geht das? Ganz einfach: Eine Erfolgsbeteiligung macht’s möglich. Die Mitarbeitenden erhalten jetzt eine fünf prozentige Beteiligung am Unternehmensgewinn. Das führ dazu, dass vielmehr die Leistung anstatt der Abeitszeit im Fokus ist.

https://www.towerpaddleboards.com

Teilzeit Fallbeispiel #3: Brath, Schweden

Dieses Unternehmen ist eine kleine, 20 Personen umfassende Firma, die Suchmaschinenoptimierung verkauft. Dort gibt es den Nine-to-three Job anstatt der Nine-to-Five Logik. Anders gesagt, es werden nur 6 Stunden am Tag und 30 Wochenstunden gearbeitet. Hier machte sich der Gründer, Magnus Brath, von Anfang an Gedanken zur Arbeitszeit. Er fragte sich, ob nicht auch sechs statt acht Stunden am Tag ausreichen würden. Als Sparringspartnerin zum Weiterdenken holte er seine Mutter ins Boot, beide begannen das Für und Wider zu untersuchen und kamen letztlich zum Ergebnis, dass die Vorteile überwiegen.

Das hat sich zumindest soweit bestätigt, als das Brath laut eigenen Angaben zu den am schnellsten wachsenden SEO-Firmen in Schweden gehört. Und der Umsatz hätte sich laut CEO Maria Brath jährlich verdoppelt. Vielleicht wäre das Unternehmen mit Achtstundentagen noch schneller gewachsen, wir wissen es nicht. Aber zumindest zeigt Brath, dass auch von Anfang an, mit der Gründung ein anderes Arbeitszeitmodell als die üblichen 40 Wochenstunden profitabel möglich ist.

http://brath.com

Teilzeit Fallbeispiel #4: Nerdlichter, Deutschland

Wider etwaige Unkenrufe gibt es natürlich auch in Deutschland innovative Arbeits- und Teilzeitmodelle. Die Digitalagentur Nerdlichter AG aus Hamburg stellt erst gar nicht die Arbeitszeit in den Vordergrund, sondern nur das Ergebnis. Und ob das jemand in 5 oder 7 Stunden erreicht, spielt keine Rolle. Und was denkst Du jetzt, wenn Du das liest? Kommen da vielleicht Fragen auf? Bei mir schon: Moment! Wie machen die denn das dann mit den Aufträgen? Wenn die X Stunden für ein Projekt veranschlagen, aber nur Y oder viel mehr Z Stunden brauchen, wie läuft dann die Bezahlung? Ich persönlich hätte das ganz einfach über Projektpreise gelöst – aber es geht auch anders.

Und das zeigt: Kunden können durchaus ziemlich flexibel und offen für neue Arbeitsweisen sein. Denn tatsächlich machen die Nerdlichter einen geringeren oder größeren Arbeitsaufwand als geplant transparent und überlassen es den Kunden, ob die denselben Preis zahlen, auch wenn weniger Arbeitszeit eingeflossen ist. Und sollte es länger gehen als gedacht, zeigen sich wohl viele Kunden ebenfalls tolerant.

https://nerdlichter.com

Teilzeit Fallbeispiel #5: Perpetual Guardian, Neuseeland

Down under gibt es ebenfalls spannende Experimente. Die Fondsgesellschaft Perpetual Guardian hat eine Viertage Woche getestet – und für gut befunden. Und zwar obendrein wissenschaftlich begleitet und validiert: Vor der Viertage Woche bekamen 54% der Mitarbeitenden die Balance aus Arbeit und Privatleben gut hin. Die Viertage Woche führte dazu, dass 78% diesen Spagat gut schaffen. Somit arbeiten seit November 2018 rund 240 Mitarbeitende nur noch vier Tage die Woche – bei gleich gebliebenen Gehalt.

Sollte jemand auf die Idee kommen, dass es doch fraglich wäre, jemanden eine Viertage Woche zu verordnen, so sei gesagt: Wer will, darf dort auch fünf Tage pro Woche arbeiten. Die Sache ist also absolut freiwillig. Die Firma hat ihre Erfahrungen mit diesem Arbeitszeitmodell obendrein in einem eigenen Whitepaper auf einer extra angefertigten Website dokumentiert: https://www.4dayweek.co.nz

https://www.perpetualguardian.co.nz

 

Kurzum: Es geht mal wieder viel mehr, als gemeinhin angenommen wird. Sogar scheinbar paradoxe Dinge sind machbar: Weniger arbeiten und mehr Geld verdienen.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Literatur

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Pixabay, freie Nutzung
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