Karriere! Früher war keineswegs alles besser. Aber vieles klarer, weniger vieldeutig und ambivalent. Früher, da ging es im Beruf häufig darum, Karriere zu machen. Die wichtigste Voraussetzung, damit das überhaupt möglich war, lag in in einer entsprechend vielstufigen Hierarchie. Wer Karriere machen wollte, musste also prinzipiell in eine Firma, die ausreichend Aufstiegschancen bieten konnte. Da waren dann zwölf Hierarchiestufen aussichtsreicher als vier oder fünf. Aber wie steht es denn um die Karriere, wenn es gar keine fix definierten Führungspositionen mehr gibt, außer vielleicht der Geschäftsführung und dem Vorstand? Was ist dann mit der Karriere?

Der Sinn von Karriere

Wenn es für jemanden keine Bedeutung hat, einen Chefsessel zu ergattern, zu verteidigen und dann in Richtung der Ledervariante des eigenen noch mit Plastik bezogenen Sitzmöbels zu schielen – dann ist ja alles in Butter. Dann ist es egal, ob es drei, vier, sieben oder mehr Stufen zu erobern gibt. Es geht dann um alles mögliche andere, nur nicht mehr um die alte, (groß)väterliche Karriere. Die hat dann ausgedient. Fein, dann haben sich die richtigen Arbeitgeber und -nehmerinnen gefunden. Gratulation!

Aber was, wenn Du doch noch irgendwie, irgendwo, irgendwann einen Funken Karrierelust im Dunkel der Nacht kurz aufflackern siehst? Musst Du dann doch wieder zum Daimler nach Sindelfingen? Oder zur Deutschen Bank nach Frankfurt, um Dich langsam, stetig und fleißig Stockwerk für Stockwerk nach oben zu dienen? Kann sein – je nachdem, was Du eigentlich mit deiner Karriereabsicht verbindest. Vielleicht könntest Du Dir einfach mal ein paar Fragen stellen:

  • Was genau verstehst Du unter Karriere?
  • Was genau willst Du mit Deiner Karriere erreichen?
  • Wann hast Du genug Karriere gemacht?
  • Angenommen, du machst Karriere (was immer das für Dich heißt) – was stellst Du damit sicher?
  • Angenommen, du machst keine Karriere – was passiert dann?
  • Woher kommt Dein Wunsch (vielleicht sogar Deine Sehnsucht) nach einer tollen Karriere?

Sicherlich nicht in allen, aber vielen Fällen, hat die Karriere verschiedene Funktionen: Das Vordergründigste ist natürlich das mit jeder neuen Karrierestufe steigende Gehalt. Machen wir uns nichts vor: Mit mehr Geld hast du in monetären Fragen mehr Optionen, als mit einem kargen Mindestlohn. Mehr Gehalt macht das Leben bezüglich finanzieller Bedürfnisse einfacher und entspannter. Du kannst öfter in Urlaub, der auch noch teurer sein kann, als Du noch Junior Berater warst oder Trainee; Du kannst Dir eine schönere Wohnung in einem Viertel leisten, was vorher nicht ging; Du kannst Dir Deine alltägliche Freizeit mit mehr geldwerten Annehmlichkeiten versüßen, als noch zwei Etagen tiefer.

Aber darüber hinaus hat Karriere auch häufig noch andere, immaterielle Ziele. Das erste und offensichtlichste – Macht. Und diese Macht ist zunächst mal völlig neutral eine Möglichkeit, zu gestalten. Wie diese Macht dann eingesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt. Aber klar ist: Wir brauchen die Macht, etwas zu dürfen, ohne Erlaubnis einholen zu müssen, um etwas zu gestalten. Und wir brauchen diese Macht, um nicht einfach nur Erfüllungsgehilfe anderer zu sein. Denn wenn wir diese Macht nicht haben, müssen wir möglicherweise (oft) etwas tun, was wir für sinnlos oder gar schädlich halten. Wir können dann nur versuchen zu intervenieren, aber ob die Vor-Gesetzten darauf reagieren oder nicht, steht nicht in unserer – Macht. Somit ist der Wille zur Macht ein zentraler Aspekt, über den ich auch auch in meinem letzten Buch „Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten“ reflektierte (S. 238 -240, Der Wille zur Macht_top-down / _bottom-up). Weitere Reflexionen über Macht in diesem Gespräch mit Conny Dethloff, Senior Manager Business Intelligence bei der Otto GmbH & Co. KG:

Und dann gibt es noch die zentralen psychologischen Faktoren: Ansehen und Anerkennung. Die Insignien der Karriere in der Firma – das Eckbüro, der größere Firmenwagen, erst ein(e) Assistent*in, dann zwei – kommuniziert Deinen Erfolg in der je firmeneigenen Sprache der Karriere. Außerhalb der Firma sind dies dann die nach außen sichtbaren Zeichen: Das Haus, erst eins, dann zwei, der SUV als Zweitwagen für Deinen Lebenspartner, um Einkaufen zu fahren (wir sind ja emanzipiert), die teuren Urlaube, die Du den Nachbarn in einer gestreamten Bilder- und Videoshow zeigen kannst (die zeitgemäße Variante von Opas Dia-Vorführung). Die direkt ausgesprochene Anerkennung oder die heimlichen Blicke voller Neid geben Dir das gute Gefühl, es geschafft zu haben. Auf dem richtigen Weg zu sein. Es ist eine Möglichkeit, die für viele von uns dringend nötige Rückmeldung zu bekommen, dass wir als Mensch etwas wert sind.

Bye bye, Karriere

Vielleicht ahnst Du jetzt schon etwas: Diese letzteren Absichten und Ziele (D)einer Karriere sind keineswegs zwingend daran gebunden, die Karriereleiter hochzusteigen, bis hinauf in jene schwindelnde Höhe, wo die Luft dünn und es einsam wird, wie so manch ein Top-Manager deklamiert, um sich heldenhaft zu inszenieren. Nein, (Gestaltungs)Macht, Respekt, Anerkennung, Wertschätzung – das alles konnte der Kapitalismus bis heute nicht vollständig korrumpieren. Wir respektieren auch Menschen für Leistungen, die rein gar nichts mit Karriere zu tun haben. Früher war das vielleicht Mutter Theresa, später Nelson Mandela, der 27 Jahre ungerechter Haft in sein inneres Wachstum transformieren konnte. Oder es sind – ganz anders – sportliche Leistungen, die uns Respekt, Anerkennung und Wertschätzung fühlen lassen. Oder wir sind tief bewegt von künstlerischer Gestaltungsmacht, die etwas in uns zum Schwingen bringt, ohne dass wir es gleich in Worte fassen können. Der Witz in alternativen Organisationen: Dort kann jeder, der gestalten will, genau das tun. Er oder Sie muss es nur wollen. Dann ist es keine Frage mehr von Dürfen, nur noch von Können.

Diese immateriellen Motive einer Karrierelust und -sehnsucht machen die Karriere als (einziges) Mittel zum Zweck überflüssig. Wir können uns diesbezüglich ganz entspannt zurücklehnen. Wir müssen nicht ins Hamsterrad des Karrierewettlaufs steigen, wir können das Rat Race denen überlassen, die eine deutsche Dieselgate-Dreckschleuder als Minderwertigkeitskomensationsgeschoss bitter nötig haben (tolles Wort, kommt aber nicht von mir, sondern stammt aus Gernot Pflügers Feder in dessen lesenswertem Buch „Erfolg ohne Chef“). Auch wenn heute so vieles oft so irritierend vieldeutig ist, so ist doch eines gewiss: Viele Wege führen nach Rom. Es gibt alle möglichen Varianten, dieses menschliche Grundbedürfnis zu befriedigen, als wertvoller, gestaltungsmächtiger Mensch von der Gemeinschaft anderer wahrgenommen zu werden.

Schön war’s mit Dir, Karriere. Aber ganz ehrlich: Wer braucht Dich wirklich? Wo wir doch allerspätestens jetzt wissen, dass Du nicht der einzige Weg bist, vieles von dem zu erreichen, worum es uns wirklich wirklich geht. Im Gegenteil, möchte ich behaupten: Karriere kann diesen immateriellen Zielen sogar eindeutig im Wege stehen. Denn die Logik, die der Metapher der Karriereleiter innewohnt, stellt erbarmungslos klar: Wirklich geschafft hast Du es nur, wenn Du ganz oben angekommen bist. Und dann? Auf zur nächsten, die noch höher hinauf führt. Bis entweder das Peter Prinzip greift, und wir solange aufsteigen, bis wir an unsere Kompetenzgrenzen stoßen, um dann erfolgreich immer wieder zu versagen. Oder bis wir wie Ikarus zu nah an der Sonne sind: Das Wachs schmilzt, mit dem wir uns mit fremden Federn geschmückt haben und wir stürzen ab. Nein, das alles muss nicht sein für menschliche Existenzalien wie Gestaltungsmacht, Respekt, Anerkennung und Wertschätzung.

Hallo Persönlichkeitsentwicklung

Ich wurde und werde immer wieder gefragt, wie es um die Karriere bestellt ist, wenn es keine Führungsstellen mehr gibt (und damit – OMG – keine Anweisungen mehr). Tja, was dann? Die Antwort ist mir mittlerweile klar. Persönlichkeitsentwicklung ist die Karriere von morgen. Sie ist das dringend nötige Substitut. Sie sollte ins Zentrum des gemeinsamen Schaffens gelangen. Denn schließlich, so das Credo neuer Arbeit, geht es ja eben nicht mehr ausschließlich um Gewinn und dessen Maximierung. Es geht vor allem darum, etwas Sinnvolles zu tun. Es geht darum, all die täglichen Stunden, all die Wochen, Monate und Jahre, die wir morgens aufstehen, um zur Arbeit zu gehen oder zu fahren, kurz: unser erwachsenes Leben für mehr zu nutzen, als befriedigende Kontoauszüge zu erzeugen.

Aber Moment! Persönlichkeitsentwicklung gibt es doch schon seit gefühlten Äonen bei den Inkarnationen steiler Karrierepfade. All die Blue Chips, DAX 30 und die großen nicht Aktien notierten Konzerne, sie alle bieten mehr oder minder intelligente Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung. Jep. Stimmt. Aber es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen diesem Verständnis und dem, was ich vorschlage: Dort ist es entweder ein nettes Nice-to-have, von manchen goutiert von anderen belächelt oder ausgelacht. Oder aber die Persönlichkeitsentwicklung wurde zweckrationalisiert, wurde zum Instrument, um danach den nächsten Karriereschritt machen zu dürfen. (Beispiel gefällig? „Nur wer sich selbst führen kann, kann führen.“ Klammer auf: Und kann den nächsten Karriereschritt machen. Klammer zu.) Persönlichkeitsentwicklung als Karriere-Substitut meint etwas grundsätzlich anderes: Unternehmen sind dann soziale Systeme, deren einziger Zweck nicht mehr in der Gewinnmaximierung besteht. Unternehmen sind dann Orte, in denen sich Menschen täglich begegnen, die einerseits zusammen Geschäfte machen und andererseits zusammen einen großen Teil ihres Lebens verbringen – und genau das als die große Chance wahrnehmen, gemeinsam zu wachsen. Zum Wohle aller. Und zwar aller im und außerhalb des Unternehmens (oder allgemeiner: Der Organisation).

Aber Moment! Nutzt die Persönlichkeitsentwicklung in einem New Work Unternehmen, einer demokratischen Firma, nicht auch dazu, dass erfolgreicher gewirtschaftet wird? Ja, keine Frage. Dabei liegt der Unterschied zwischen einem Zweck und Selbstzweck orientierten Verständnis von Persönlichkeitsentwicklung in der Umkehrung des Kollateralnutzens. Will heißen: In der Welt traditioneller Arbeit dient die Persönlichkeitsentwicklung in erster Linie dem Unternehmen und hat den netten Nebeneffekt, das es sich nicht verhindern lässt, dass auch die Mitarbeiter*innen daraus ihren Nutzen ziehen. In der Welt neuer, moderner, selbstbestimmter Arbeit dient die Persönlichkeitsentwicklung als erstes denjenigen, die an sich arbeiten. Dann dient sie der Gemeinschaft derjenigen, die da zusammenarbeiten. Und nebenbei führt das Ganze – vielleicht – auch dazu, dass diese Gemeinschaft erfolgreicher wirtschaftet. Wobei dann auch noch gewisse Unterschiede zwischen erfolgreich Wirtschaften in der alten und neuen Arbeitswelt bestehen.

Erfolgreich muss nämlich nicht heißen, dass die Alfred E. Neumann GmbH bis zum Sankt Nimmerleinstag wächst (wenn Du keine Ahnung hast, wer das ist, gehörst du definitiv zur Gen Y oder Z, aber nichts für ungut ;-)). Und das natürlich maximal schnell. Erfolgreich kann dann heißen: Das Unternehmen wächst bis zu seiner natürlichen Wachstumsgrenze und kümmert sich ab diesem Moment darum, auf gute Weise zu leben. Und vielleicht die bei der Produktion erzeugten Kollateralschäden immer weiter zu minimieren. Erfolg hat viele Gesichter. Es muss nicht die Fratze des ewigen, Ressourcen fressenden Wachstums sein.

In diesem Sinne: Wachse! Wachse innerlich bei einem Arbeitgeber, der Dich um Deiner selbst willen schätzt und deshalb mit Dir Geschäfte machen will. Werde reifer, freier, selbst-bewusster. Entwickle deine Persönlichkeit und verrenke Dir nicht mehr den Hals, weil Du ständig nur die Leiter nach oben schielst.

 

Herzliche Grüße
Andreas

 

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4 Kommentare
  1. André Claaßen
    André Claaßen sagte:

    Hallo Andreas,

    Ich schreibe nur einen kurzen Gedankenblitz zu diesem wunderschönen Blog–Beitrag. Ich finde es wichtig, ein alternatives wird Modell, wie beispielsweise die persönliche Weiterentwicklung, der klassischen kassiere gegenüberzustellen.

    Dummerweise sind wir alle sozialisiert durch Wettbewerb und Benchmarking. Ich habe mit großem Entsetzen gelesen, dass Benchmarking das Managementinstrument Nummer #1 in Deutschland ist. Wir vergleichen uns mit dem Mitettbewerb, anderen Abteilungen, beurteilen Mitarbeiter und vergeben Zeugnisse. Karriere bedeutet auch, in der immerwährenden Leistungsbeurteilung gut abzuschneiden.

    Auf die Spitze getrieben wird der Gedanke durch das Scoring. In China experimentiert man ja bereits mit Bewertungssystemen für Menschen. Karriere macht in China jemand, der das Privileg hat, mit einem Hochgeschwindigkeitszug zu fahren.

    Wie gesagt, das schoss mir beim Lesen deines Artikels durch den Kopf.

    Antworten
  2. Andreas Zeuch
    Andreas Zeuch sagte:

    Lieber André,

    danke für Deine wertvollen Gedanken, das wäre einen neuen eigenen Beitrag wert… Kannst Dir ja überlegen, ob Du nicht darüber bei uns im Blog einen Post schreiben möchtest…

    Herzliche Grüße, Andreas

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] verlässt und in ein Entwicklungsfeld eintritt (Andreas hat das in seinem Beitrag „New Work: Persönlichkeitsentwicklung statt Karriere“ schon angesprochen). Besser wäre es also, das mittlere Management hin zu einem Lern- und […]

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