Veränderungen sind lustige Zeitgenossen, finde ich, meistens tippen sie einem von hinten auf die Schulter und grinsen, während sie vor einem längst den New Work Boden eingerissen haben. Will heißen, man bemerkt oft erst, was sie anrichten, wenn es zu spät ist. Genauso ging es mir bei einem meiner letzten Besuche in einem hiesigen New Work Unternehmen. Das Unternehmen steht für alles, was das Füllwort New Work zu bieten hat: offene Kommunikation, offene Räume, wertschätzendes Miteinander, iterative und selbstorganisierte Arbeitsprozesse, beschreib- und beklebbare Wände, Work-Life-Büros, Spaß bei der Arbeit, Grillen nach Feierabend. Bällebad und Tischkicker Fehlanzeige. Gut so.

New Work Lounge-Feeling

Wir trafen uns in der großzügigen, offenen Küchenlounge am sehr langen sehr geschwungenen, abwischfreundlichen Tisch. Die Lounge lag zentral in der Büroetage, umgeben von offenen glatt gestylten Großraumbüros (mehr zu Großraumbüros im Unternehmensdemokraten-Blog) in der Tradition Ludwig Mies van der Rohes – „less is more“. Lediglich der „Kreativ“-Raum war mit rohen, weiß getünchten Bierbänken und -tischen und alten Holzstühlen bestückt. Über uns leuchtete hell das LED-Licht weißer Designerlampen, ein Stück weiter neben uns die verchromte Frischwasserzapfstelle inkl. frisch aufgeschnittener Bio-Zitronen, Bio-Ingwerscheibchen und Basilikumsträußchen. Weiße Teller mit Butterbrezeln auf dem Tisch (gewisse Dinge ändern sich hier nie) und ein paar Standard-Dekoteile aus einer Filiale der Standard-Heimdeko-Einkaufsketten, die Heimeligkeit suggerieren wollen. Unter uns ein mattweißer, abriebfester und glatter Bodenbelag. Ich nahm auf einem der dreh- und höhenverstellbaren Barsessel mit Chromfuß und weich gepolstertem weißen Kunstledersitzbezug Platz. Ein einsamer großer Ficus Benjamini, der in einer für ihn eher zu dunklen Raumecke stand, war echt. Dorsal sah man durch eine große Fensterfront in einen Atrium-Innenhof, ventral fiel der Blick ins gegenüberliegende vollverglaste Kinderbüro (also ein Büro, in das man Kinder mit zur Arbeit bringen darf). Alles super, alles toll, alles New Work. Oder?

Ich meine, nein. Bei priomy beziehen wir das Buzzword New Work ganz grundlegend auf Frithjof Bergmanns holistisches New Work Konzept. Ich will an dieser Stelle nicht episch über das Konzept schwafeln, sondern mich auf zwei seiner Kernziele fokussieren:

  • stop/reduce climate change (2nd Tsunami)
  • stop wasting natural resources (3rd Tsunami)
    (http://newwork.global/)

Dem einen oder der anderen mag es so scheinen, als ob diese Ziele weit entfernt vom täglichen Arbeitsalltag sind. Dem möchte ich entschieden widersprechen: Der Klimawandel ist kein weit entferntes Phänomen und mit jeder Kaufentscheidung entscheiden wir uns für „ökologisch sinnvoll“ oder „ökologisch schädlich“. Ergo, jedes Unternehmen, welches räumliche Veränderungen plant, trifft Kaufentscheidungen, die ökologisch sinnvoll sind oder nicht. Die Crux an der Sache: dafür muss man das Hirn einschalten, sich informieren und das geplante Budget intelligent ausgeben.

In welcher Umgebung leben wir eigentlich?

Bei Vorträgen zur circular economy (oder/und Cradle to Cradle) verwenden wir oft zwei Fotos: erstens eine Autoschlange am Stuttgarter Neckartor und zweitens ein Innenraumfoto eines halbwegs gemütlich eingerichteten Wohnzimmers. Die Frage, die ich dazu stelle: „Wo würden Sie sich lieber aufhalten?“ 99% der Teilnehmenden entscheiden sich für das gemütliche Wohnzimmer. Logisch, möchte man meinen, oder? Nein, nicht logisch, sondern nur mangelhaft informiert.

Denn die Einrichtung auf dem heimeligen Wohnzimmerfoto ist in etwa genauso gesundheitsschädlich als wenn ich eine fette Prise Feinstaub am Stuttgarter Neckartor bewusst einatme. Jedes Teil in diesem Wohnzimmer stammt aus industrieller Massenmöbelproduktion und enthält Kunststoffe, Weichmacher, Beschichtungen, Schaum- und Klebstoffe die allesamt in die Umgebungsluft ausdünsten und sich bei Benutzung abreiben. Hinzu kommen diverse Elektrogeräte, die zusätzlich Feinstaub produzieren.

Der alltägliche Raumluft-Cocktail

Jedes Möbelstück ist verpresst und verklebt. Die Couchpolsterung erdölbasiert aufgeschäumt. Die Oberfläche von Tischen und Schränken besteht entweder aus Kunststoff, der mit Pressspan verklebt wurde (bei günstigen Produkten) oder aus lackiertem Holzfurnier verklebt mit innenliegender Spanplatte (wenn es teurer ist). Die Fasern des Teppichs bestehen aus Kunststoff, die Gummierung aus Erdöl. Laminat ist kunststoffbeschichtet. Dispersionswandfarben haben mineralölhaltige oder synthetische Inhaltsstoffe und Pigmente.

Natürlich gibt es in Deutschland eine Gefahrenstoffverordnung, die von allen Produzenten einzuhalten ist und möglicherweise sind die einzelnen Stoffe, Zusätze, etc. für sich genommen auch nicht schädlich für Menschen. In Innenräumen findet sich üblicherweise jedoch ein ganzer Cocktail verschiedenster Stoffe, die regelmäßig mit der Atemluft – sowohl durch Ausdünstung als auch durch den Abrieb bei Benutzung – aufgenommen werden und von dem niemand mit Bestimmtheit sagen kann, ob und wann sich diese Stoffe gesundheitsschädlich auswirken.

Nichts für empfindliche Nasen

Zurück zum Arbeitsplatz: Dort, wo Menschen einen Großteil ihrer Lebenszeit verbringen, möchte man meinen, sollte allen daran gelegen sein, dass die Arbeitsumgebung nicht krank macht. Im Fall des hiesigen New Work Unternehmens z.B. dünsteten die Sessel in der Küchenlounge einen Geruch aus, der sich wirklich nicht gut anfühlte. In anderen Unternehmen (egal ob New Work oder nicht) sind es Schränke, die noch nach Jahren fröhlich vor sich hin stinken. Teppichböden, die den Feinstaub von Druckern, Kopierern und Rechnern in ihren Fasern sammeln und sie bei jedem Schritt, den man darüber schlurft, aufwirbeln und lustig in alle Nasen verteilen. Der Kunststoff in allen Geräten dünstet bei Benutzung derselben allein durch die Wärmeentwicklung aus. Durch Sonnen- und Lichteinstrahlung wird der Kunststoff der Geräte porös, so dass weitere Inhaltsstoffe sich lösen können, Verklebungen sich lösen, etc.

Landlust-Attitüde vs. Gesundes Raumklima

Ein Teil dieser gelösten Stoffe könnte durch relativ wirksame Helfer aufgefangen werden – Pflanzen. Ich erinnere mich noch gut ein Großraumbüro, in dem ich in der Vergangenheit arbeitete. Ein niederländisches Unternehmen, das damals arbeitsplatztechnisch fast visionär – im Gegensatz zu deutschen Unternehmen dieser Zeit – zu nennen wäre: Dort gehörte ganz selbstverständlich eine große Anzahl verschiedenster Pflanzen zur Bürogrundausstattung und diente sowohl dem Sicht- und Lärmschutz als auch der Verbesserung des Raumklimas. Wenn ich mir heutige Bürolandschaften ansehe, dann stehen dort nur vereinzelt Pflanzen, oft Kunststoffpflanzattrappen, die kaum dem Raumklima zuträglich sind. Aktuell scheint es auch „in“ zu sein, sich abgesägte Baumstämme (gerne Birke) als Deko, als Garderobenersatz oder whatever ins Büro zu stellen, oder kleine Baumscheiben und Moos als Deko irgendwo zu platzieren, Hirschgeweihe an die Wand zu hängen – keine Ahnung, ob das der „Landlust“-Bewegung geschuldet ist.

 

Vom Bällebad zu Sustainable New Work

Doch weg von der Schwarzseherei, denn es gibt genug Lösungen und Informationen, die ein intelligentes New Work Unternehmen nutzen kann, um Arbeitsumgebungen ökologisch sinnvoll und gesund für die Mitarbeitenden neu zu gestalten:

  • Für die, die sich zuerst einmal grundlegend informieren wollen: Das Fraunhofer IAO gibt regelmäßig Studien heraus, die Rückschlüsse auf die Auswirkungen von Raumklima auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden zulassen (z.B. hier: https://shop.iao.fraunhofer.de/publikationen/luftfeuchtigkeit-am-broarbeitsplatz.html).
  • Büroausstattung: beim Büromöbelhersteller Steelcase z.B. gibt es Bürostühle, deren Einzelteile komplett bis auf die letzte Schraube trennbar sind und somit verlustfrei recyclingfähig
  • Büromaterial: Die Memo AG z.B. bietet seit Jahrzehnten ökologische Alternativen zu konventionellen Büromitteln
  • Bei anstehender Innenraumplanung: Die InnenarchitektInnen nach ökologischen Alternativen fragen – ist auch für ihn/sie eine gute Möglichkeit, sich mehr Wissen anzueignen.
  • Bodenbeläge: Wenn es denn Teppich sein soll, liefert z.B. die niederländische Firma Desso BV einen Bodenbelag, der Feinstaub bindet. Ansonsten: Holzböden aus heimischen oder schnellwachsenden Hölzern und/oder FSC-zertifizierte Ware verwenden.
  • Muss es unbedingt neu sein? Wie steht es um das bestehende Mobiliar? Kann das vielleicht beim ortsansässigen Schreiner aufbereitet werden? Upcycling ist zwar nicht der Weisheit letzter Schluss, sorgt aber für einen weiteren Nutzungszyklus und kann daher ressourcenschonend sein.
  • Begrünung: Wenn schon neu, dann richtig – Fassaden- und Dachbegrünung, Mooswände und vertikale Gärten (aus Recyclingmaterialien) für Innenräume, Corporate Gardening, Aquaponic, Bienen- und Insektenhotels, Regentonnen aufstellen und/oder Regenwasseraufbereitungsanlage installieren lassen.
  • Urban Gardening Projekte in ihrer Stadt besuchen und sich dort inspirieren lassen
  • Wer mehr über die Verwendung von Chemikalien in Produkten wissen will, kann beim REACH-Programm des Umweltbundesamtes reinschauen
  • Es steht ein kompletter Neubau an? Dann einfach mal groß denken: Das ICON in Dortmund wurde nach C2C-Kriterien geplant (https://icon-dortmund.de/gebaeude.html), die Druckerei Lokay in hat ihren gesamten Standort inkl. Produktion in Reinheim nachhaltig umgestaltet: https://www.lokay.de/standort-nachhaltigkeit.html

Green Office Studien

Die Umweltorientierung und Nachhaltigkeit von Organisationen ist nicht mehr wegzudenken – die Green Office Studie von 2014 des Fraunhofer IAO zeigt eine mehr als deutliche Zunahme in der Gewichtung von Nachhaltigkeit im Vergleich zu 2010. Nur ein Beispiel: Auf die Frage „Welche Bedeutung hat eine umweltgerechte Gestaltung von Arbeitsprozessen sowie Arbeits- und Büroumgebungen in Unternehmen?“ antworteten in 2010 47% der befragten Unternehmen mit „wichtig/eher wichtig“. 2014 waren es bereits 71%, Tendenz weiter steigend.

Also: Es gibt keine Ausrede mehr, wenn Büros umgestaltet werden sollen. Ganz besonders nicht, wenn es um New Work geht. Mir persönlich mutet es nahezu absurd an, wenn man laut und öffentlich die Gesundheit von Mitarbeitenden propagiert, aber eine feinstaubbelastete Arbeitsumgebung billigend in Kauf nimmt. Dem einen oder der anderen Entscheidenden täte es m.E. gut, sich an Schwangerschaft und Geburt der eigenen Kinder zu erinnern: denn spätestens nach der Geburt eines Kindes fangen viele Eltern an, sich Gedanken über die Dinge zu machen, die die neue Erdbewohnerin umgeben werden. Dann fangen sie an, das Universum der Prinzessin oder des Prinzen entsprechend auszustatten, um alles Böse dieser Welt von ihnen fernzuhalten: Naturbelassene Holzmöbel fürs Kinderzimmer, Wandfarben mit natürlichen Farbpigmenten, BPA-freies Spielzeug, Textilien aus Bio-Baumwolle, Natur-Leinen, naturbelassene Schaffelle, Schnuller aus Naturkautschuk, Bio-Kekse, und, und, und. Wieso also nicht die gleichen Überlegungen bei der Bürogestaltung anstellen? Müssen ja nicht die Naturkautschuk-Schnuller für die Mitarbeiter sein…

 

Herzliche Grüße
Daniela

 

P.S.: Wer sich dem Thema spielerisch nähern will, für den gibt es den jährlichen Wettbewerb „Büro und Umwelt“. Kann ich nur empfehlen! https://buero-und-umwelt.de/Wettbewerb.html

Green Office Studie:
https://office21.de/wp-content/uploads/2017/10/1_Fraunhofer_IAO_Green_Office_Studie_2014.pdf

 

Bildquellennachweis: Headerfoto und Inhaltsfoto – Pixabay, CC0-Lizenz, gemeinfrei

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