In der New Work Szene und Filterblase ist der Begriff Lean und das damit verbundene Konzept kaum diskutiert. Dies möchten wir mit diesem Beitrag ändern, denn New Work und Lean haben zentrale Gemeinsamkeiten. Gleichzeitig ist der Fokus von Lean Production und Management, Verschwendung zu reduzieren, eine ebenso hilfreiche wie wichtige Perspektive, um New Work weiter voranzubringen. Denn welches Unternehmen möchte Verschwendung nicht vermeiden?

Was ist Lean Production und Management?

Eine kurze und knackige Definition zu Lean Production findet sich bei Wikipedia: „Lean Production“ und „Lean Manufacturing“ bezeichnet ursprünglich die von Womack/Jones/Roos in deren MIT-Studie (1985 bis 1991) bei japanischen Automobilherstellern vorgefundene, systematisierte Produktionsorganisation, welche der in den USA und Europa zu dieser Zeit vorherrschenden und von ihnen so genannten gepufferten Produktion („Buffered Production“) entgegengesetzt wurde. Shah/Ward (2007) verstehen unabhängig von dieser auf die damalige Situation bezogenen Definition nunmehr schlanke Produktion als „integriertes soziotechnisches System, dessen Kernzielsetzung die Beseitigung von Verschwendung ist, indem gleichzeitig lieferantenseitige, kundenseitige und interne Schwankungen reduziert oder minimiert werden“. Für die Anwendung von Lean Production Methoden hat sich im deutschsprachigen Raum der Begriff „Ganzheitliche Produktionssysteme“ etabliert.“ (Wikipedia Deutschland, Stand 02.10.2018)

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Die leitenden Prinzipien der schlanken Produktion umfassen sieben Punkte:

  1. Vermeidung von Verschwendung – das zentrale Prinzip: Alle nicht wertschöpfenden Arbeitsprozesse und -schritte werden identifiziert und abgeschafft
  2. Kontinuierlicher Verbesserungsprozess – um eine fortwährende Verbesserung zu erreichen, werden alle Mitarbeitenden miteinbezogen (hier wird sofort die Nähe zu New Work deutlich)
  3. Standardisierung – sie dient unter anderem darum, das erste Prinzip weiter umzusetzen, indem nicht wertschöpfende Arbeitsanteile abzuschaffen
  4. Null Fehler – hier geht es auch darum, Fehlerketten zu vermeiden, indem sich Fehler nicht auf folgende Arbeitsschritte auswirken
  5. Fließprinzip – Informationen und Material sollen möglichst zügig, durchgängig und ohne Störungen fließen
  6. Pullprinzip – der Steuerungsaufwand soll im Gegensatz zum vorhersagenden Pushprinzip minimiert werden, indem eingegangene Kundenaufträge die Arbeitsschritte auslösen
  7. Mitarbeiterorientierung und zielorientierte Führung – die tayloristische Trennung von Denken/Handeln, bzw. Planen/Ausführen wird abgeschafft (New Work!) und die Mitarbeitenden werden statt dessen als Experten der Produktionsprozesse in deren Optimierung einbezogen
  8. Visuelles Management – durch die bildliche für alle Betroffenen sichtbare Darstellung von Prozessen und Arbeitsabläufen soll Transparenz über Ziele, Prozesse und Leistungen erreicht werden

Analog zur Lean Production geht es im Lean Management darum, das Management von Verschwendung zunehmend zu befreien. Dazu werden verschiedene Prinzipien als handlungsleitend gesehen:

  1. Ausrichtung aller Tätigkeiten auf den Kunden (Kundenorientierung)
  2. Konzentration auf die eigenen Stärken
  3. Optimierung von Geschäftsprozessen
  4. Ständige Verbesserung der Qualität (Kontinuierlicher Verbesserungsprozess, KVP)
  5. Interne Kundenorientierung als Unternehmensleitbild
  6. Eigenverantwortung, Empowerment und Teamarbeit
  7. Dezentrale, kundenorientierte Strukturen
  8. Führen ist Service am Mitarbeiter
  9. Offene Informations- und Feedback-Prozesse
  10. Einstellungs- und Kulturwandel im Unternehmen

Spätestens jetzt sollte die Überschneidung von Lean Ansätzen und New Work offensichtlich sein.

 

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Die vier Ebenen von New Work

New Work ist der meistbenutzte Begriff, wenn es um die Zukunft der Arbeit geht, die ihrerseits längst ein eigenes Schlagwort ist. In Anlehnung an den österreichisch-amerikanischen Vordenker Frithjof Bergmann verstehen wir dessen Begriff New Work als grundlegende Transformation der bisherigen Arbeit und Wirtschaft. Das umfasst viel mehr, als nur ein paar agile Methoden einzuführen oder die Belegschaft mit Tischkickern und Bio-Obstschalen zu beglücken und zu erwarten, dass dann deren Motivation durch die Decke knallt. Dieses Verständnis von New Work ist eine regelrechte Begriffsverstümmelung.

Wir sehen vier verschiedene Systemebenen von New Work:

  1. Einzelne Arbeitnehmende
  2. Gruppen, Teams, Abteilungen und Bereiche
  3. Organisationen
  4. Wirtschaftssystem

Nach unserem Verständnis geht es darum, durch tiefgreifende und weitreichende öko-soziale Nachhaltigkeit massive Verschwendung auf allen diesen Systemebenen immer weiter zu reduzieren.

Die einzelnen Arbeitnehmenden

Auf dieser kleinsten Systemebene gibt es Verschwendungen, die mit einem traditionellen Verständnis von Lean-Production und -Management nicht ausreichend adressiert werden: Krankenstände, Fluktuation, Dienst nach Vorschrift, Innere Kündigung, Sabotage, Veruntreuung und Diebstahl. Abgesehen von einzelnen schwarzen Schafen mit einer mehr oder minder ausgeprägten kriminellen Energie, die ganz unabhängig von der Arbeitssituation den Arbeitgeber hintergehen, entstehen nicht nur aber auch durch traditionelle Arbeitsstrukturen und -kulturen Verschwendungen im eben beschriebenen Sinn.

So zeigt der jährliche Gallup Engagement Index eine enorme Verschwendung, die mittlerweile gesamtwirtschaftlich auf bis zu dreistellige Milliardenbereiche beziffert werden. Gallup berechnet nur die Kosten von Krankmeldungen und Fluktuation aufgrund mangelnder emotionaler Bindung der Arbeitnehmer, die sich in einem Dienst nach Vorschrift und innerer Kündigung zeigt. Für 2016 wird ein Range von 80,3 bis 105,1 Milliarden Euro angegeben. In meinem letzten Buch „Alle Macht für niemand“ hatte ich die Ergebnisse von 2001 bis 2013 ausgewertet und kam auf bescheidene 1,3 Billionen Euro, die der deutschen Wirtschaft verloren gegangen sind. Die Ursachen für diese Form der Verschwendung sind natürlich vielfältig. Aber eine nicht unerhebliche Rolle spielt Demotivation durch fremdbestimmte Arbeit. Das ist einer der Gründe, warum wir von priomy uns für mehr Selbstbestimmung in der Arbeit einsetzen und damit für das Empowerment der Mitarbeitenden.

Gruppen, Teams, Abteilungen und Bereiche

Auf der zweiten Ebene geht es sowohl um die Selbstorganisation und Autonomie von Gruppen, Teams, Abteilungen und Bereichen als auch um deren nötige Koordination. In diesem Sinne meint New Work unserer Auffassung nach eine Prozessoptimierung und Reduktion kommunikativer und koordinativer Verschwendung.

Unsere Themenbox Old Work – New Work bei der LATC19

Um die damit verbundenen Herausforderungen erfolgreich zu meistern bedarf es verschiedener Aspekte:

  • Erstens eine flache, dynamische und damit leane Organisationsstruktur mit möglichst wenigen formal-fixierten Hierarchiestufen. New Work in diesem Sinne bedeutet die Transformation klassischer Organisationsstrukturen: Von typischen Organigrammen mit Funktionssilos hin zu alternativen Organisationsmodellen wie Soziokratie/Soziokratie 3.0 oder die davon abgeleitete Holacracy. Hier geht es um eine Verschlankung der Aufbauorganisation.
  • Zweitens müssen die üblich verwendeten Führungsinstrumente und extrinsische Motivationsversuche wie Zielvereinbarungen, Mitarbeitergespräche, Boni etc. entsprechend angepasst werden. Das damit verbundene Menschen- und Organisationsbild führt zu Verhaltensweisen, die toxisch für eine schlanke Organisation sind, weil sie schlicht und ergreifend in den meisten Fällen den Mitarbeitern negative Verhaltensweisen wie permanente Eigennutzenmaximierung unterstellen, die so nur selten stimmen. Es braucht eine Änderung der grundlegenden Annahmen über die Funktionsweisen von Menschen und Organisationen, die ihren Ausdruck in alternativen Instrumenten finden: Relative Ziele, kontinuierliche Feedbackkultur, Objektives and Keyresults, Abschaffung von Boni/Incentives und so weiter.
  • Drittens kommen digitale Technologien ins Spiel: Mittlerweile können wir über SaaS Lösungen Kommunikation, Projekte und Wissensmanagement viel effizienter gestalten und organisieren. Beispielhaft sind dafür Tools wie Slack, Trello und organisationsinterne Wikis. Ebenso sind wir heute in der Lage, gemeinsame selbstorganisierte Entscheidungen mit relativ geringem Aufwand herbeizuführen. Dazu können Methoden und Instrumente behilflich sein wie Systemisches Online Konsensieren und ganz allgemein Entscheidungs- bzw. Vorhersagemärkte.
  • Viertens spielen auf dieser Ebene mittlerweile weitflächig bekannte Methoden wie Scrum eine wichtige Rolle, um Prozesse durch Selbstorganisation massiv zu verschlanken und zu beschleunigen. New Work heißt dann auch mehr Kundennähe, schnellere Reaktionszeiten und damit eine deutlich größere Krisenrobustheit.

priomy bei der Lean around the clock LATC19, 21.-22. März 2019 in Mannheim. Unser Beitrag: Old Work, New Work – Bridge over troubled water. Hier gehts zu weiteren Infos und Tickets. 

Organisationen

Die eben unter Gruppen, Teams, Abteilungen und Bereichen genannten alternativen Organisationsmodelle, Methoden und Instrumente sind auf der Ebene der Organisationen natürlich auch ein zentrales Thema der Transformation. Dabei geht es aber keineswegs darum, hierarchiefrei zu werden, wie oftmals formuliert oder angenommen. Führung bleibt weiterhin eine fundamentale Aufgabe. Allerdings nicht auf Basis formal-fixierter Hierarchie mit fixen Führungspositionen und einem damit verbundenen Disziplinarrecht, auf das Führungskräfte zurückgreifen können, wenn ihre Anweisungen von den Mitarbeitenden angezweifelt werden.

Alle diese ersten drei Systemebenen durchdringt die jeweilige Organisationskultur. Sie zeigt auf vielfältige Weise:

  • In bewussten und unbewussten Verhaltensweisen einzelner Mitarbeitenden
  • in der Kommunikation und Interaktion von Gruppen, Teams usw.
  • in der Außenkommunikation der Organisation
  • in expliziten wie impliziten Regeln
  • in letztlich in Artefakten, also den äußerlich sichtbaren physischen Aspekten wie der Architektur, Einrichtungen, Arbeitskleidung, Visitenkarten und -titeln etc.

Dabei gilt für uns: Wir können sehr wohl an der Kultur arbeiten, sie ist nicht vollkommen ungreifbar. Nur eines geht nicht: Eine linear-kausale direkte Beeinflussung. Wenn einzelne Personen oder Teams etwas verändern wissen wir im vorhinein nicht, wie sich das auswirken wird. Deshalb können wir Kulturveränderung nicht geplant abarbeiten. Wir können nur experimentieren und dann aufmerksam beobachten, was sich wann wo eventuell verändert – ohne dabei exakt zu wissen, ob dies wirklich eine Folge der jeweiligen Interventionen ist.
Darüber hinaus gibt es längst Verbindungen von New Work und Lean im Bereich von Unternehmensgründungen. Das Lean-Startup gilt fast schon als Standard bei Unternehmensgründungen, um möglichst schlank und schnell neue Unternehmen mit Produkten und Dienstleistungen aufzubauen, die tatsächliche Kundenbedürfnisse befriedigen, anstatt jahrelang am grünen Tisch etwas bis zur Perfektion zu entwickeln, was letztlich kein Mensch braucht.

Wirtschaftssystem

Bis heute herrscht mit dem Kapitalismus ein Wirtschaftssystem vor, das vor allem auf möglichst großen Konsum ausgerichtet ist. Wo es keine natürlichen Bedürfnisse gibt, werden künstlich welche geschaffen, was dank der laufenden Digitalisierung und Big Data immer besser geht. Microtargeting im Web präsentiert uns individuell zugeschnittene Werbung, die wir nicht mehr so einfach ausblenden können wie ehedem Litfaßsäulen, Werbeplakate oder Werbespots im Fernsehen. Zudem beschleunigen sich Arbeits- und Produktzyklen und Obzoleszenz als geplanter Produktverfall ist zwar nicht allen Produkten eingeschrieben, aber doch vielen.

Und genau da sehen wir die vierte Systemebene von Neuer Arbeit. Es geht darum, die mit Hyperkonsum vorangetriebene globale Ressourcenverschwendung massiv zu reduzieren. Dazu gibt es längst verschiedene ökonomische Ansätze wie Nachhaltiges Wirtschaften, Kreislaufwirtschaft, Cradle-to-Cradle, Up- und Downcycling, über die wir in späteren Folgen berichten werden.

In diesem Sinne geht es mit New Work für uns darum eine Lean Economy zu entwickeln und etablieren. Hier wird der Zusammenhang von New Work in unserem Verständnis und Lean auch im gesamtwirtschaftlichen Sinne klar.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildquellennachweis: pixabay, CC-0 Lizenz, gemeinfrei

 

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