Der Fachkräftemangel scheint amtlich. Er hat es schon eine gute Weile zum Wikipediaeintrag gebracht. Und er ist immer wieder in Funk und Fernsehen zu sehen und hören, na ja: Heute eher im Netz. Jüngst zum Beispiel Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände: „In dem Land, wo Facharbeitermangel zu JEDEM politischen und wirtschaftlichen Gespräch gehört…“ (Tagesschau 01.03., 20:00 Uhr) Aber wie steht es eigentlich um dieses immer wieder aufs neue behauptete Problem? Gibt es den Fachkräftemangel eigentlich wirklich? Wie wird er überhaupt erfasst und was sind dann mögliche Gründe dafür, dass Fachkräfte angeblich so rar sind? Mit ein bisschen Buddeln findet man ein paar interessante und durchaus plausible Antworten.

Fachkräftemangel: Diagnose

Beginnen wir mit dem Status Quo, so wie er zur Zeit gerne dargestellt wird. Zunächst wird ein objektiv nachweisbarer Anstieg von Nachfragen im Arbeitsmarkt präsentiert. Zum Beispiel über den Fachkräfteatlas von Stepstone. Da liegt der Index im Juni 2017 mit 164 Punkten 3 Punkte höher als im Mai und ganze 23 Punkte höher als ein Jahr zuvor. So stieg beispielsweise die Anzahl der Stellenausschreibungen in Berlin im Vergleich zum Vormonat um vier Prozent und verglichen mit dem Vorjahr sogar um satte 24%. Fakt: Die Nachfrage steigt deutlich. Schlussfolgerung: Es gibt einen Fachkräftemangel. Und der wird dann immer wieder und wieder behauptet, so zum Beispiel im August 2017 in der Computerwelt: „Der Fachkräftemangel in Deutschland ist enorm und hat zahlreiche Branchen erfasst.“ (Franz 2017) Oder im CIO: „Jedes zweite Startup kann Stellen nicht besetzen.“ (Pütter 2017) Klingt fast so, als würden nordkoreanische Truppen kurz vor der deutschen Grenze stehen.

Wir armen deutschen Michel leiden also nicht nur unter dem Kreuz institutioneller Mitbestimmung, Investitionsängstlichkeit und Bürokratie, sondern eben auch noch an Fachkräften. Und ohne diese wichtige Gruppe von Mitarbeiter*innen können wir natürlich mit dem internationalen Wettbewerb nicht mithalten. Wir werden untergehen, in der Bedeutungslosigkeit versinken. Demnächst gehört Deutschland zu den Schwellenländern. Und wenn es an Fachkräften mangelt, so die kristalline Logik, können die Arbeitgeber nichts daran ändern. Dann muss die Politik endlich mal die Rahmenbedingungen ändern. Die Geschäftsführer und Vorstände sind plötzlich machtlos, können an ihrem Schicksal nichts ändern. Schließlich können sie sich ja keine Fachkräfte backen. Wer wäre auch so verrückt, derartiges zu behaupten. Ich nicht.

Fachkräftemangel: Zweitmeinung

In der Medizin gibt es bei wichtigen Diagnosestellungen, Behandlungsentscheidungen etc. das Prinzip der Zweitmeinung (Second Opinion). Der Patient holt sich bei einem zweiten Arzt eine zweite Diagnose oder einen alternativen Therapievorschlag ein. Im Falle des Fachkräftemangels ist es dringend angezeigt, das Gescheppere der Medien und Arbeitgeberverbände kritisch zu beleuchten. Was sagt zum Beispiel die Bundesagentur für Arbeit, die regelmäßig eine Fachkräfteengpassanalyse erhebt? Die Antwort ist im Juni 2016 unmissverständlich: „Es zeigt sich nach der Analyse der Bundesagentur für Arbeit kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland.“ (Fachkräfteengpassanalyse: 4) Es gibt laut BfA „allerdings … Engpässe in einzelnen technischen Berufsfeldern, in Bauberufen sowie in einigen Gesundheits- und Pflegeberufen.“ (ebend.) – aber das wars. Denn schließlich gibt es auch in den durch Verbände beschworenen Fachbereichen wie Ingenieursberufen statistisch mehr erwerbslose Ingenieure als offene Stellen.

Neben der amtlichen BfA ist es möglich, auch noch weitere, ganz andere Meinungen und Analysen zu finden. Eine aus unserer Sicht empfehlenswerte Auseinandersetzung mit diesem Thema ist das Buch „Mythos Fachkräftemangel“ von Martin Gaedt. Er hat sich dort intensiv und gründlich mit diesem Arbeitsmarkt-Mantra befasst. Und kommt ebenfalls recht eindeutig zum Ergebnis, dass der Fachkräftemangel nur ausgesprochen bedingt vorhanden ist (zum Beispiel in Pflegeberufen, wie auch Jakob Osman in seinem Beitrag im Manager-Magazin vom 09. März 2017 darlegt).

Fachkräftemangel: Ursachen

Martin Gaedt und Jakob Osman bieten ausgesprochen plausible und nachvollziehbare Gründe, wie es zum dem immer wieder zitierten Fachkräftemangel kommt. Die Behauptung und Wahrnehmung des Phänomens entsteht durch zwei Akteure auf dem Markt: Arbeitgeber und deren Verbände. Zu diesen Aspekten, die schon alleine darauf verweisen, dass wir keinen flächendeckenden Fachkräftemangel haben, weil es branchenübergreifend und bundesweit zu wenig Fachkräfte gibt, kommt noch ein strukturelles Problem hinzu, was darüberhinaus erklärt, warum zu wenig Fachkräfte bei so manchem Arbeitgeber ankommen, obwohl eigentlich in vielen Fällen genug vorhanden sind.

Arbeitgeber

Martin kommt in seinem lesenswerten Buch zu einem überraschenden Argument, wie es denn eigentlich zu der subjektiven Wahrnehmung des Fachkräftemangels seitens der Arbeitgeber kommt. Die Arbeitgeber sind häufig schlicht und ergreifend nicht sichtbar. Wer kennt denn schon all die Unternehmen der Region oder gar darüber hinaus?  In Summe gibt es rund 3,6 Millionen Unternehmen in Deutschland. Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern sind dabei diejenigen mit den meisten offenen Stelle. Und wer von den Arbeit suchenden Arbeitnehmer*innen kennt diese Klein- bis Kleinstunternehmen? Die Bewerber*innen kommen bei vielen Arbeitgebern erst gar nicht an, weil sie um deren Existenz schlicht nicht wissen. Wer kennt beispielsweise Comidio, ein Startup das laut eines Artikels (Pütter 2017) auch unter dem Fachkräftemangel leidet.

Ja natürlich gibt es dann noch die Off- und Online-Stellenanzeigen. Und wie unterscheiden die sich untereinander? Welche von den Aufzählungswüsten verspricht den attraktiveren Arbeitsplatz? Welche der Anzeigen wird überhaupt in dem Informationsüberfluss noch wahrgenommen? Alleine bei Stepstone inserieren monatlich rund 30.000 Arbeitgeber. Einerseits stellt sich die Frage, wer da überhaupt noch den Überblick bekommen will. Andererseits wird bei 3,6 Millionen Unternehmen deutlich: Die meisten Arbeitgeber tummeln sich nicht auf Deutschlands größter Online-Jobbörse.

Vergleich von Stellenanzeigen 2017

Und dann kommen noch andere Faktoren seitens der Arbeitgeber zusammen: Ein häufig lausiges Bewerbungsverfahren, an dessen Ende oft auch unwürdig abgelehnte Bewerber*innen stehen – und was erzählen die dann über diesen Arbeitgeber? Und überhaupt: Was passiert eigentlich mit den Fachkräften, die im Bewerbungsverfahren weit gekommen sind, aber am Ende das Rennen nicht gewonnen haben? Wie Martin zu recht schreibt: „Solange die Silber- und Bronze-Kandidaten vom Hof gejagt werden, gibt es keinen Fachkräftemangel.“ (Gaedt 2017) Aber es gibt noch mehr, was viele Fachkräfte nicht gerade einlädt, eine Stelle bei so manchem Arbeitgeber überhaupt in Betracht zu ziehen: Eine Organisationskultur, die nur wenig auf das eingeht, was Fach- und Führungskräfte häufig erwarten, wie in meinem Beitrag „Der Wunsch der Fachkräfte“ berichtet. Es mangelt oft an Echtheit, Transparenz, Mitgestaltungsmöglichkeiten (freie und institutionelle Mitbestimmung) und dergleichen mehr.

Verbände

Eine ganz andere Ursache arbeitet Jakob Osman heraus. In einem fiktiven Szenario baut er als Limonadenhersteller mit diversen Mitteln wie Studien und Vorträgen in der Öffentlichkeit das Trugbild des Fachkräftemangels auf und beklagt sich dann natürlich auch noch wortreich bei diversen Politikern. Der arme Limohersteller, kurz vor der Insolvenz so ohne Fachkräfte, startet Kampagnen und gründet Vereine, um dieses Märchen noch düsterer zu gestalten. Sofern die Politik und Ausbildungsverantwortliche dies für bare Münze nehmen, sorgen sie dafür, dass endlich wieder mehr Limonadenfachkräfte ausgebildet oder aus dem Ausland herbugsiert werden. Gänzlich unbeabsichtigter Kollateralnutzen: Die Lohnkosten können prima auf einem möglichst niedrigen Niveau gehalten oder sogar dorthin abgesenkt werden.

Dieses Vorgehen ist vor allem bei großen Unternehmen, respektive Konzernen mit ihren Lobbies und Verbänden denkbar. Wenn wir uns aktuell die Lage bei den Autoherstellern ansehen, klingt die von Osman beschriebene Strategie nicht allzu grotesk. Vielmehr wäre es ein wirklich praktikables und äußerst vorteilhaftes Vorgehen aus der Sicht von Umsatz- und Gewinnoptimierung.

Strukturprobleme

Der dritte Grund, warum der Fachkräftemangel beklagt wird und warum bei so manchem Arbeitgeber nicht ausreichend Fachkräfte eingestellt werden können, obwohl sie in Deutschland vorhanden sind, liegt in den immer weiter steigenden Lebenshaltungskosten in den Ballungszentren. Viele Fachkräfte sind – je nach ihrem Gehalt in Abhängigkeit von ihrer Branche – entweder nicht in der Lage oder auch nicht bereit, die immer weiter steigenden Lebenshaltungskosten, vorwiegend bedingt durch teils heftige Mietpreiserhöhungen, zu tragen. Das gilt natürlich besonders für jene Fachkräfte, die in Familien Alleinverdiener sind und somit alleine die gesamten Lebenshaltungskosten tragen müssen. Wer da in teuren Städten wie Frankfurt, Stuttgart oder München als Arbeitgeber Fachkräfte sucht, wird es nicht leicht haben. Umgekehrt haben es viele Fachkräfte in diesen Städten schwer, finanziell entspannt zu leben. Eine kreative Lösung könnte darin liegen, dass sich verschiedene Unternehmen zusammentun und Wohnungs(bau)genossenschaften gründen, um so ihren Belegschaften niedrigere und fairere Mietpreise zu ermöglichen. Oder Arbeitgeber machen sich gemeinsam mit Mietern stark für Mietpreisbremsen. Möglichkeiten gäbe es einige.

Auf dem Land gibt es andere strukturelle Probleme. Ich weiß ziemlich genau, wovon ich da schreibe. Ich lebte sieben Jahre in einem 540 Seelen Nest, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen – wortwörtlich. Ab und an hatten wir auch Wildsäue im Garten und einmal einen herrlich vorwitzigen Dachs. Zum Mountainbiken war das großartig (Gartentor auf und los!), aber sobald ich hochwertiges Theater wollte, ein mitreißendes Konzert oder inspirierenden Museumsbesuch durfte ich mindestens 100Km nach Frankfurt oder Bonn/Köln fahren. Nicht wirklich verlockend. Nun sind aber die meisten MINT Berufsausübenden nicht gerade alle begeisterte Crossläufer, Pilzsammler, Hobbyornithologen oder -jäger. Wenn wunderte es da, dass diese Leute eben in die Stadt ziehen, um dort zu leben und zu arbeiten? Ach ja: Und die mangelnde technologische Infrastruktur vermittelt einem dann bei jeder Videokonferenz als Remote-Worker das Gefühl, Minecraft zu spielen. Was natürlich insbesondere technikaffige Arbeitskräfte echt motiviert, sich genau dort niederzulassen, wo man das Gefühl nicht los wird, ein pfeifendes 50K Modem zu hören. Fachkräftemangel?

Fachkräftemangel: Schlussfolgerungen

  1. Sichtbarkeit: Als Arbeitgeber sichtbar werden und bleiben.
  2. Partnerschaftlichkeit: Den Bewerbungsprozess von Anfang bis Ende rundum partnerschaftlich gestalten.
  3. Win-Win: Bewerber*innen bei Absagen nach Möglichkeit weiterhelfen und zu anderen potentiellen Arbeitgebern weiter vermitteln.
  4. Lebenshaltungs-Unterstützung: Fachkräften über ein angemessenes Gehalt hinaus verschiedene Unterstützungsoptionen in der Lebenshaltung anbieten.
  5. Arbeitgeber-Kulturverbände: Wie wäre es, wenn sich die Arbeitgeber einer Region zu einem Kulturverband zusammenschließen und gemeinsam etwas gegen die kulturelle Verblödung unternehmen, indem Sie sie gemeinsam finanziell fördern? Sie könnten bei so einem Engagement dann auch den jeweiligen Gemeinden und Ländern aus ihrer Kulturapathie herausholen.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Literatur

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Dr. Andreas Zeuch, © 2017
  • Mythos Fachkäftemangel: Buchcover, Pressematerial
  • Stellenanzeigen: Ausschnitt von verschiedenen Screenshots
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  1. […] an sich verändernde Marktbedingungen, mangelnde Attraktivität bei Bewerbern (was häufig zur Fehlannahme eines angeblichen Fachkräftemangels führt), mangelnde Mitarbeiterbindung beziehungsweise im Umkehrschluss eine zu hohe Fluktuation, […]

  2. […] davon, ob es den Fachkräftemangel tatsächlich gibt, führt offensichtlich schon die andauernde Diskussion zu entsprechenden Konsequenzen. Denn die […]

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