Wie Daniela im Blogpost zu ihren Installationen „Red“ und „Ecriture Automatique“ ankündigte, beschreibe ich in diesem Artikel meine Installation „Radfahren“. Die Idee dazu kam mir bei der Lektüre von Erich Fromms „Die Furcht vor der Freiheit“. Die Ähnlichkeit des Buchtitels zum Titel unsere Konferenz ist dabei kein Zufall. Der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Fromm setzt sich in seinem Buch damit auseinander, was passiert, wenn Menschen aus Konstrukten befreit werden, die ihnen gleichzeitig Sicherheit geben und Grenzen setzen. Sein darin beschriebenes Konzept des autoritären Charakters erinnert mich stark an das Bild des „Radfahrers“, der nach oben buckelt und nach unten tritt.

Installation

Die Installation besteht aus einem, auf eine Palette montierten Fahrrad. Das Vorderrad ist aus der Gabel gerissen und liegt dem Boden. Auf dem Rad sitzt eine tief gebeugte, gesichtslose Stoffpuppe. Die Füße stehen auf den Pedalen.

 

 

Von der Decke herab, über dem Fahrrad, hängt ein Plakat mit einem Zitat von Erich Fromm; der Hintergrund zeigt Portraits von Religionsführern, Populisten, Managern und Nationalisten:

„Die Religion und der Nationalismus oder auch irgendeine Sitte oder ein noch so absurder und menschenunwürdiger Glaube sind – wenn sie den einzelnen nur mit anderen verbinden – eine Zuflucht vor dem, was der Mensch am meisten fürchtet: die Isolation.“

 

 

 

Unter dem Rad liegt ein Plakat mit einem Zitat von Arno Gruen,  im Hintergrund sind Menschen verschiedener Herkunft und Alters zu sehen:

„Der rechte Extremismus und das linke Rebellieren, die Gewalt in ihren verstecktesten Formen und der Terror gegen andere und sich selbst: Das sind die Endpunkte der Zerstörungsspirale, die sich scheinbar notwendig dreht ohne angehalten werden zu können. Täter und Opfer leben in einer gefährlichen Symbiose und sind ihr ganzes Leben auf der Suche nacheinander.“

 

Die Metapher des Radfahrers in Organisationen

Als ich die Idee der Installation meinen „priomys“ vorstellte, stellte ich überrascht fest, dass nicht alle die Methapher des „Radfahrers“ in einer Organisation kannten. Für mich ist dieses Bild seit der Zeit meiner Ferienjobs in einer Papierfabrik präsent. Damals ätzten die Arbeiter in der Kantine über Schichtführer, die nach oben hin buckelten, indem sie sich der Geschäftsleitung anbiederten und zum Ausgleich ihre „Untergebenen“ schikanierten, indem sie nach unten traten – und nannten diese „Radfahrer“.

Der autoritäre Charakter

Dieses Bild – nach oben buckeln, nach unten treten – setzte sich in meinen Gedanken fest, als ich bei Erich Fromm über sein Konzept des autoritären Charakters las. Denn diese Dichotomie von Unterwerfung unter die Mächte und Beherrschung der unter einem Stehenden, ist für die Einstellung des autoritären Charakters charakteristisch.

Mit der Erläuterung des autoritären Charakters, warum er so ist, wie er ist und wie ich das unter anderem im New-Work-Kontext sehe, plane ich zukünftig noch einige Blogartikel zu füllen. Hier an der Stelle möchte ich nur kurz darauf eingehen: Der autoritäre Charakter ist an Macht, festen Strukturen und Gehorsam orientiert. Daher kann er mit Freiheit und Unsicherheit nur schlecht umgehen. Fromm sagt dazu: „Er bewundert Autorität und strebt danach sich ihr zu unterwerfen, gleichzeitig aber will er selbst Autorität sein und andere sich gefügig machen.“ Zusammenhänge zu Populismus und Nationalismus sind kein Zufall – das oben erwähnte Buch und das Zitat stammen aus dem Jahr 1941 und sind heute vielleicht aktueller als je zuvor.

Weitere Erklärungen, wie solche Charaktere entstehen, liefern die Texte des Psychologen und Psychoanalytikers Arno Gruen. Auch er wird daher in zukünftigen Artikeln von mir seinen Platz finden. Daher auch hier vorerst nur ein Zitat, das seine Ideen beschreibt: „Vielleicht sollten wir den Unterschied zwischen Identität und Identifikation deutlich machen, indem wir erkennen, dass Identifikation nicht die Basis für eine eigene Identität bildet. Dass Identifikation und Identität einen Widerspruch in sich bergen, weil Identifikation eben nicht zur Entwicklung einer autonomen, originären Identität führt“.

„Radfahren“ zeigt diesen „autoritären Charakter“ im aktuellen Kontext von Populismus, Nationalismus, Religion, hierarchischen Unternehmensstrukturen und abhängiger Lohnarbeit.

Herzliche Grüße
Stefan

Fotos: @KulturKomplize (Stefan Röcker) + @Kulturkomplizin (Daniela Röcker)

2 Kommentare
  1. Frank H. Baumann-Habersack
    Frank H. Baumann-Habersack sagte:

    Hi Stefan,

    klasse geschrieben, Danke. Mich würde es freuen, wenn Du in Deinen zukünftigen Posts Autorität differenzieren könntest…, da es ja nicht nur die eine Ausprägung von Autorität gibt. Der autoritäre Charakter braucht auch die autoritäre Ausprägung bzw. Gehorsam als komplementäre Dynamik. Und falls Du einmal etwas über horizontal Autorität schreiben willst, freue ich mich auch :-)

    Herzliche & kollegiale Grüße

    Frank

    Antworten
    • Stefan Röcker
      Stefan Röcker sagte:

      Hallo Frank,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich habe vor, mich ausführlich diesem Thema zu widmen, daher denke ich dass ich mich auch mit den unterschiedlichen Ausprägungen auseinander setzen werde. Würde mich freuen, wenn wir uns dazu immer wieder austauschen könnten.

      Liebe Grüße
      Stefan

      Antworten

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