Angenommen es gibt den viel beschworenen Fachkräftemangel – was ja geradezu häretisch ist, das zu hinterfragen – dann sollten alle Arbeitgeber möglichst genau wissen, was Fachkräfte von ihrem Arbeitsleben erwarten. Stepstone, einer der Dinos unter den deutschen Online-Jobbörsen, veröffentlichte 2016 zu dieser zentralen Frage die hauseigene Studie „Jobs nach Maß. Was Fachkräfte wollen“. Die Ergebnisse sind MERKwürdig.

Der Wunsch der Fachkräfte: Studiendaten

Insgesamt wurden rund 14.000 Fach- und Führungskräfte befragt. Davon waren 62% Fachkräfte und 38% hatten eine Führungsposition inne. 42% waren Frauen und 58% Männer. Die Altersspanne belief sich von Berufsanfängern bis Berufstätigen mit 25 Jahren Erfahrung. Die vorwiegenden Berufsfelder waren Banken, Finanzen, IT, Ingenieurwesen, Logistik, Marketing und Vertrieb. Ob die Studie mit dieser Stichprobe repräsentativ ist, wird leider nicht erwähnt. Insgesamt zeigt sich: So bieder, wie im Beitragsbild oben, sehen die Bewerbungswelt und Recruitingprozesse für die Fach- und Führungskräfte definitiv nicht mehr aus.

Überblick

  • Passung von Beruf und Leben: Den Studienteilnehmern ist diese Passung und Balance am wichtigsten. Mit 87% liegt dabei Gesundheit als wichtigster Wert ganz vorne, gefolgt von persönlicher Entwicklung mit 83%.
  • Der Wert der eigenen Arbeit: 84% sind davon überzeugt, für den Arbeitgeber wertvolle Beiträge zu liefern. Damit hängt natürlich eng zusammen, dass die Fach- und Führungskräfte keine oder nur wenig Angst vor Arbeitsplatzverlust haben. Tatsächlich ist sogar ein Drittel der Befragten der Meinung, dass sie beim Jobwechsel bessere Chancen haben als zuvor.
  • Identifikation mit dem Arbeitgeber: Exakt 80% äußerten, eine eigentlich passende Stelle nicht zu nehmen, sofern sie keine Identifikation mit dem Arbeitgeber erleben. Somit rückt die Passung zur Organisationskultur weit in den Vordergrund.
  • Eigenverantwortung und Kooperation: Bezüglich des Teams, in dem die Befragten tätig sind, ist Kooperation mit 87% der wichtigste Faktor. Der wichtigste Faktor beim Chef liegt darin, eigenverantwortliches Arbeiten zuzulassen (87%)
  • Authentizität des Arbeitgebers: 84% nehmen ein Angebot nicht an, wenn der Arbeitsplatz und das Unternehmen nicht ehrlich und echt beschrieben wurde. Mit deutlichem Abstand folgt mit 74% ein zu niedriges Gehalt.

Die Ergebnisse im Detail

Passung von Beruf und Leben

DGB Plakat 1956

Neben den oben genannten zwei wichtigsten Aspekten der Gesundheit und persönlicher Entwicklung liegen Partnerschaft und Familie mit je 81% an dritter Stelle. Somit ist die Balance zwischen Berufs- und Privatleben ein weiterer zentraler Aspekt. Die meisten der Befragten wollen sich nicht (mehr) im Arbeitsleben aufreiben und Partnerschaften oder Familien dabei vernachlässigen. Es reicht also längst nicht mehr, wenn „Vati“ (oder Mutti) für die Kinder nur am Wochenende Zeit hat. Das gilt natürlich insbesondere in der Digitalwirtschaft, in der Arbeitszeit durch eine technisch mögliche 24/7 Präsenz zu entgrenzen droht.

Auf Platz vier folgt mit 71% eine angenehme Arbeitsatmosphäre aufgrund gelungener Kollegialität. In Anbetracht steigender Notwendigkeit agiler Ablauforganisationen ist dies eine gute Voraussetzung für das Gelingen agiler Arbeitsweisen. Denn die sind natürlich nur möglich, wenn die Kolleg*innen achtsam miteinander umgehen und respektvoll interagieren und kommunizieren. Schließlich steigen die Anforderungen an Kommunikation enorm, sobald Anweisungen und implizite Drohungen disziplinarischer Maßnahmen als Steuerungselement wegfallen. Aufrichtig agile und selbstorganisierende Arbeitgeber haben damit einen klaren Vorteil bei Bewerber*innen. Das gilt übrigens insbesondere für Berufsanfänger und Frauen. Beide Gruppen legen besonderen Wert auf eine gute Arbeitsatmosphäre und Kollegialität.

Persönliche Interessen landen mit 56% auf dem fünften Platz. Daraus könnte die Schlussfolgerung abgeleitet werden, dass es auch im laufenden Betrieb nach der Einstellung wichtig ist, immer wieder aktiv einen Abgleich zwischen den persönlichen Interessen und den jeweiligen Anforderungen einer „Stelle“ oder besser „Rolle“ vorzunehmen. Und wo immer möglich darauf auch zu reagieren. (Eine mögliche Option sind „Widerstandsmessungen“ zu den aktuellen Aufgaben. Wenn Du dazu mehr erfahren willst, melde Dich, wir helfen gerne weiter). Last not least sind nur 11% gute Karriere- und Aufstiegschancen und verschwindend geringen 5% ein hohes Gehalt wichtig (Letzteres kann durchaus angezweifelt werden. Das nur jeder Zwanzigste viel Geld attraktiv findet, erscheint mir sonderbar und deckt sich auch nicht mit anderen Untersuchungen).

Der Wert der eigenen Arbeit

Unsere Leseempfehlung

Unabhängig davon, ob es den Fachkräftemangel tatsächlich gibt, führt offensichtlich schon die andauernde Diskussion zu entsprechenden Konsequenzen. Denn die befragten Fach- Führungskräfte sind sich ihrer Stellen ausgesprochen sicher und haben wenig Sorge um ihre berufliche Zukunft. Immerhin sind sich mit 70% etwas mehr als zwei Drittel ihrer Stelle sicher. Die Mehrheit der Befragten fühlen sich also nicht unter Druck, es dem Arbeitgeber besonders Recht zu machen. Wenn sie gute Arbeit leisten, dann vor allem deshalb, weil sich sich für ihre Aufgaben interessieren, wie oben schon ausgeführt. Das gilt immerhin für mehr als die Hälfte der Befragten.

Interessant erscheinen uns auch die Ergebnisse dazu, wie lange es im Mittel braucht, um eine neue Stelle zu finden. Mit 69% haben die mit Abstand meisten Befragten nach rund sechs Monaten eine neue Stelle gefunden. Sechs bis Zwölf Monate suchen nur noch 22% und gerade jeder Zehnte sucht länger als ein Jahr. Wenn dies einigermaßen korrekt ist, entsteht daraus natürlich eine Erwartungshaltung an die Recruitingprozesse der Arbeitgeber. Je schneller eine Passung zwischen Arbeitgeber und -nehmer*innen hergestellt werden kann, desto besser. Das gilt natürlich in jede Falle, könnte aber den Ergebnissen zufolge sogar eine Erwartungshaltung der Arbeitnehmer*innen widerspiegeln. Diese Passung wird dann mehr als nur eine Frage eines gelungenen Matchings, wenn weitere Anforderungen und Erwartungen bei den Fach- und Führungskräften hinzukommen. Nämlich die nach einer Kombination aus Authentizität des Arbeitgebers, eigenverantwortlichem Arbeiten, gelungener Kollegialität und einer Balance aus Arbeit und Privatleben.

Zudem ist davon auszugehen, dass es einen nicht zu unterschätzenden Wechselwillen gibt. Schließlich sind knapp ein Drittel (31%) davon überzeugt, dass die Jobchancen besser sind als in den letzten Jahren. 45% sind der Meinung, dass sich Chancen nicht geändert haben. Wenn unter diesen Einschätzungen die Arbeitsbedingungen bei den aktuellen Arbeitgebern für die Befragten nicht stimmig sind, ist davon auszugehen, dass sich die Arbeitnehmer*innen nach neuen Anstellungsmöglichkeiten umsehen werden. Für alle diejenigen, die Fach- und Führungskräfte suchen, ist dies natürlich eine gute Nachricht. Vor allem, wenn bei Euch eben jene Arbeitsbedingungen und eine Organisationskultur gelebt wird, die den bis hierher dargestellten Wünschen der Befragten entgegenkommt oder sie sogar vollumfänglich abdeckt.

Identifikation mit dem Arbeitgeber

Wenn’s stimmt, passt auch ein Umzug

Wie oben im Überblick dargestellt, würden 80% der Befragten eine vom Jobprofil her passende Stelle nicht annehmen, wenn sie sich mit dem Arbeitgeber nicht identifizieren können. Selbst wenn man das kritisch hinterfragt und einen deutlich geringeren Anteil annehmen würde, wäre das immer noch ein bedeutsames Ergebnis. Denn damit ist klar, dass die auch ansonsten angegebenen Wünsche der Fach- und Führungskräfte eine sehr große Rolle spielen. Die Befragten benötigen zur Identifikation eine kollegiale und kooperative Arbeitsatmosphäre, die Möglichkeit, selber Entscheidungen zu treffen und so ihre Arbeit und in Teilen sogar das Unternehmen mitzugestalten, ein gesundes Arbeitsumfeld und das Gefühl, das Privatleben nicht der Arbeit unterordnen zu müssen.

Dafür sind die Arbeitnehmer*innen aber auch zu diversen Zugeständnissen bereit: Immerhin würden 47% einen Umzug akzeptieren oder zumindest zu Pendeln. Näher betrachtet würden 17% ins Ausland ziehen, sofern sie die neue Arbeit wirklich begeistert. 10% sehen kein Problem in einem Umzug innerhalb von Deutschland und 20% würden Pendeln im Wochenturnus auf sich nehmen.

Eigenverantwortung und Kooperation

Fast neun von zehn der Befragten (87%) wünschen sich von ihrem Vorgesetzten, eigenverantwortliches Handeln zuzulassen. Mit ebenfalls 87% ist eine kooperative Zusammenarbeit genauso wichtig. Das sind aus unserer Sicht eindeutige Hinweise auf die enorme Bedeutung einer mit- und selbstbestimmten Organisationskultur, selbst dann wenn man kritisch davon ausgehen würde, dass diese beiden Faktoren nicht ganz so hoch sind, wie es die Studie nahelegt.

Für den jeweils nächsten Schritt in der Karriere sind die wichtigsten drei Nennungen Gehalt (69%), Arbeit selbst gestalten (59%) und mehr Entscheidungskompetenz (56%). Vor allem die beiden letzten Aspekte der Mitbestimmung und Entscheidungskompetenz sind in dieser Studie regelmäßig wiederkehrende Elemente bei den Wünschen der befragten Fach- und Führungskräfte. 47% wollen zudem ein breiteres Aufgabenspektrum, was unserer Ansicht nach am besten durch eine selbstorganisierte Organisationskultur zu realisieren ist. Die jeweiligen Arbeitspakete und Aufgaben können dann mehr oder weniger selbstständig organisiert werden. Denn „Fachkräfte wollen beides: eigenverantwortlich arbeiten und im Kollegenkreis aufgehen.“ (Stepstone 2016: 12).

Authentizität des Arbeitgebers

Transparenz statt verschwommene Eindrücke

Der wichtigste Grund, eine Arbeitsstelle nicht anzunehmen ist mit 84% die mangelnde Authentizität des Arbeitgebers. Die überwältigende Mehrheit wünscht sich eine ehrliche Selbstdarstellung des (neuen) Arbeitgebers. Hochglanzbroschüren und schicke Websites mit Imagevideos werden schnell zum Bumerang, wenn sie nicht die Wirklichkeit des Arbeitgebers widerspiegeln. Wenn es also beispielsweise noch nicht so gut um die Selbstorganisation oder das kooperative Verhalten bei den Kolleg*innen bestellt ist, sollte das auch offen kommuniziert werden. Transparenz wird somit zu einem weiteren wichtigen Faktor, um neue Fach- und Führungskräfte zu gewinnen – selbst dann, wenn dieses Wort in der Studie nicht ein einziges mal erwähnt wird. Und dazu eignet sich in besonderem Maße unser CultureCheck zum Stand der Selbstorganisation in Unternehmen. Denn die Ergebnisse können leicht sichtbar gemacht werden, wie mit unseren Blogposts zum CultureCheck der itacs GmbH und der HRpepper GmbH & Co. KGaA.

75% würden es zudem bemängeln, wenn es keine gute „persönliche Ebene mit Gesprächspartern“ gibt. Bei der Erwartung an die Echtheit des Arbeitgebers wäre es damit aus unserer Sicht ebenfalls sinnvoll, die zukünftigen Kolleg*innen von Anfang an miteinzubinden. Denn über das Bewerbungsgespräch hinaus steht, wie schon dargestellt, die gute Kooperation mit den Kolleg*innen ganz oben auf der Wunschliste der Befragten. Diese Erwartung lässt sich vermutlich besser durch das frühzeitige persönliche Kennenlernen der zukünftigen Kolleg*innen klären, als durch die üblichen Gespräche mit Personalern und gegebenenfalls dem potentiellen neuen Vorgesetzten. Genau das wollen immerhin schon 42% der Befragten: Mindestens einen der zukünftigen Kolleg*innen kennenlernen.

Last not least werden mit 56% deutlich über die Hälfte der Befragten von einer Stellenanzeige und Website abgeschreckt, die ihnen nicht gefällt. Die üblichen Verdächtigen, die allgegenwärtigen Aufzählungswüsten der Standard-Stellenanzeigen und triste oder zu vollmundige Arbeitgeberpräsentation haben also eine tatsächliche Wirkung auf die Bewerber*innen. Im täglichen Einerlei der Stellenausschreibungen ist es somit möglich, durch aufwändiger und besser gestaltete Anzeigen und Arbeitgeberpräsentationen positiv aufzufallen, so wie wir das mit unserer Beta-Jobbörse aktuell versuchsweise anbieten. Wenn dann noch die erwünschte Transparenz hinzukommt und die Arbeitgeber sich so darstellen, wie sie wirklich sind, kann das Interesse der begehrten Fach- und Führungskräfte auf diesem Weg gewonnen werden.

Schlussfolgerungen

  1. Authentizität: Jegliche Außenkommunikation wie Websites, Stellenanzeigen etc. sollten ehrlich und transparent sein.
  2. Passung: Die zentralen Werte und eine etwaige „Mission“ des Arbeitgebers sollten gut sichtbar (und ehrlich gemeint) sein.
  3. Betriebliches Gesundheitsmanagement: Sorgt dafür, dass die Gesundheit der Belegschaft fortlaufend gesichert und verbessert wird.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Quelle

  • Stepstone Trendstudie 2016: Jobs nach Maß. Was Fachkräfte wollen. StepStone Deutschland GmbH

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Friedrich Graf, CC BY-SA 3.0 de
  • DGB Plakat: Mit freundlicher Genehmigung des DGB
  • Mythos Fachkräftemangel: Buchcover
  • Umzug: © Andreas Zeuch
  • Transparenz: © Andreas Zeuch
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