Am 25.06. veröffentlichte Alexander Klier von Beck et al. Services seinen Rückblick auf unsere 1. (Un)Konferenz Neue Konzepte für Neue Arbeit am 15.06. in Berlin. Wir von priomy freuen uns sehr über diese ausführliche, differenzierte und konstruktive Würdigung unsrer Veranstaltung. Da Alexander dankenswerter Weise nicht nur lobende Worte, sondern auch eine differenzierte, konstruktive Kritik äußerte, möchten wir nun an dieser Stelle auf seine Reflexion eingehen.

Der Rahmen

Ich kenne und schätze Alexander nun schon ein paar Jahre. Insofern hatte ich mich persönlich besonders gefreut, dass er als Teilnehmer dabei war und unsere (Un)Konferenz-Premiere bereichert hat. Zu Beginn machte er mit seinem Beitrag klar, wie er seine eben auch kritischen Gedanken verstanden wissen will:

„Bereits vorab möchte ich sagen, dass die Kritik nicht verdecken soll, dass ich die Veranstaltung inhaltlich sehr bereichernd fand und auch gerne auf der Konferenz dabei war. Andererseits finde ich, dass das Team und die experimentelle Veranstaltung es verdient haben, auf den Prüfstand gestellt zu werden. Insofern ist die – hoffentlich wohlverstandene – Kritik mein wertschätzender Beitrag des Experiments.“

Lieber Alexander – das kam an und genau so verstehen wir auch Deinen umfassenden und für uns hilfreichen Rückblick. Schon mal gleich an dieser Stelle: Vielen Dank!

Sehr gut gefallen hat mir die sehr klare und gut nachvollziehbare Struktur: Alexander ordnet seine Gedanken und Reflexionen in die Bereiche Organisatorisches, räumliches Setting und Inhalte. Dieser Struktur folge ich gerne mit unserer Antwort.

Organisatorische Aspekte 

Sessionplanung: Das Barcamp Grid, Tara Hunt, CC BY-SA 2.0

Im ersten Schritt reflektiert Alexander unsere Sessionplanung. Dazu vorab kurz skizziert das übliche Vorgehen bei Unkonferenzen/Barcamps: Nach einer kurzen Begrüßung und der Vorstellung der Teilgebenden (= Teilnehmenden der Unkonferenz) anhand von jeweils drei Hashtags, die sie als Person beschreiben (für mich zB: Startup Gründung, priomy, Plattform für selbstbestimmtes Arbeiten), kommen alle Teilgebenden, die eine Session anbieten wollen, nach vorne und präsentieren – im Idealfall – in rund einer Minute ihren Sessionvorschlag. Danach werden diese Vorschläge, die auf einem Sessionzettel stehen, von den Vorschlagenden selbst oder von den Veranstaltern in ein Raum-Zeit-Raster eingetragen. Nach der Vorschlagsphase können dann alle anderen Teilgebenden die jeweiligen Sessions, die sie interessieren, anhand dieses Rasters finden und die entsprechenden Räume zu den entsprechenden Zeiten aufsuchen. Dabei gilt dann das Gesetz der zwei Füße: Wer eine Session für sich unergiebig findet oder glaubt, keinen Beitrag leisten zu können, kann einfach in andere Sessions wechseln. Soweit das Konzept in seiner Theorie.

Wir finden das alles im Prinzip wunderbar. Allerdings haben wir x-fach die Erfahrung gemacht, dass dieses Prozedere über eine offensichtliche Sollbruchstelle verfügt: Nur wenige, wenn nicht die wenigsten Teilgebenden sind in der Lage, einen rund einminütigen Pitch ihrer Session hinzubekommen. Oft bis meist stehen dann Menschen auf der Bühne, die zwei, drei Minuten oder nicht selten noch länger ihren Sessionvorschlag präsentieren. Wenn bei rund 120 Teilgebenden auch nur 30 Leute nach vorne kommen – was nicht selten passiert – dauert diese Vorschlags/Präsentationsphase selbst im optimalen Fall 30 Minuten plus die Zeit, die es benötigt, den Sessions-Vorschlagszettel im Raum-Zeit-Raster anzubringen. In der Praxis vergeht bei 30 Leuten eher mal schnell eine ganze Stunde. Und genau das finden wir ausgesprochen unattraktiv – und ja: ineffizient. Deshalb hatten wir die Idee, die Sessionvorschläge und deren Bewertung (es gab bei uns nur Slots für sechs Sessions) im Vorfeld in einem virtuellen Raum stattfinden zu lassen: dem systemischen Online-Konsensieren.

Diese Methode, die ich schon oft in Transformationsprozessen oder bei Workshops/Seminaren erfolgreich nutzte, sieht dabei zwei Phasen vor: Vorschläge posten und diskutieren (Vor- und Nachteile, Kommentare/Fragen) und diese danach durch die Angabe von Widerstandspunkten von 0-10 bewerten. Beide Phasen werden in diesem digitalen Werkzeug durch minutengenaue Zeitdauern begrenzt. Die Vorschlagsphase dauert zB vom 01.01.2018, 00:01 bis zum 07.01.2018, 23:59. Dann folgt die Bewertungsphase vom 08.01., 00:01 bis zum 10.01., 23:59. Soweit die Methodik des systemischen Online-Konsensierens.

Alexanders Kritik dazu:

So war ich bereits für die „Abstimmung“ (genauer: das Konsensieren) der Themen zu spät dran. Ich konnte also meine Stimme nicht (mehr) einbringen. Ich hatte nebenbei das Gefühl, dass sich an dieser Vorababstimmung insgesamt nicht allzu viele beteiligt haben…

Die Ergebnisse der Vorschlagsphase bei unserer 1. (Un)Konferenz

Das ist definitiv ein Nachteil der Methode: Wer zu spät kommt, den bestraft das Konsensieren. Und zwar ohne, dass dies unsere Absicht gewesen wäre. Ich kann Alexanders Kritik verstehen. Allerdings sind wir als Veranstalter auch nicht wirklich begeistert von dem Trend, sich zunehmend kürzer vor Veranstaltungsbeginn anzumelden. Natürlich kann es vorkommen, dass jemand erst spät von dem Event erfährt – dann ist das von Alexander skizzierte Problem ärgerlich. Allerdings haben wir auch den Eindruck, dass nicht unerheblich viele Personen die Veranstaltung schon wesentlich länger präsent hatten, sich aber erst kurzfristig für die Teilnahme entschieden hatten. Das ist das gute Recht der Teilnehmenden. Allerdings sind wir in diesem letzteren Fall Meinung, dass das dann halt einen Preis hat – aber nicht, weil wir das bewusst so inszenieren, sondern weil sich das aus unserem organisatorischen Vorhaben so ergeben hat: Wir wollten im Vorfeld herausarbeiten, welche Sessions wieviel Leute anziehen, um die Sessionbereiche im Raum vorbereiten zu können. Aus unserer Sicht können wir für die nächste (Un)Konferenz #NKNA19 ein anderes Vorgehen testen: Die Vorschlagsphase läuft bis eine Woche vor der Veranstaltung und die Bewertung erfolgt dann in der letzten Woche davor bis zum letzten Abend zuvor um 23:59. Die Konsequenz: Ob und wie dann eine optimale Raumzuordnung möglich ist, wird sich weisen.

Alexander stellte desweiteren fest:

Ich hatte nebenbei das Gefühl, dass sich an dieser Vorababstimmung insgesamt nicht allzu viele beteiligt haben

Das stimmt. Allerdings ist dies die (selbstbestimmte) Verantwortung aller Teilnehmenden. Wir hatten dazu nicht ein einziges kritisches Feedback in unserer Feedback Box, die auf der Veranstaltung stand. Insofern möchten wir dem zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter nachgehen. Unsere momentane Hypothese dazu: Die Sessions vorab über das systemische Online-Konsensieren zu organisieren ist noch neu und ungewohnt. Vielleicht muss sich das erst einmal etablieren.

Kurz vor der Konferenz sollte ich mich nun entscheiden, was ich für Schwerpunkte setzen würde und welche Sessions ich demzufolge (höchstwahrscheinlich) besuchen würde. Das habe ich gemacht, mir aber weder gemerkt, wie ich es angegeben hatte, noch geplant, es auch so umzusetzen.

Lieber Alexander, dass Du Dir das nicht gemerkt hast, ist natürlich Deine Verantwortung. Vermutlich lag dies daran, dass Du nicht vorhattest, das „auch so umzusetzen“. Das ist übrigens aus unserer Sicht völlig in Ordnung. Wenn sich dann die Verteilung der Teilnehmenden während der Veranstaltung spontan ändert, dann ist das so. Sobald geschlossene Räume für Sessions vorhanden sind, haben diese ganz einfach nur Platz für eine ungefähre Obergrenze an Teilnehmenden. Wer dann noch rein will, obwohl der Raum voll ist, hat halt Pech. Ist bei jeder „normalen“ Unkonferenz genauso.

Dabei orientiere ich mich auch daran, wer was wie vorbereitet hat und entsprechend einbringt bzw. Raum zur Diskussion bietet.

Alexander spricht hier einen wichtigen Punkt an: Die Vorbereitung. Hier liegt unserer Erfahrung nach ein weiterer wichtiger Nachteil klassischer Unkonferenzen: Viele Sessions sind eher spontaner Natur ohne dezidierte Vorbereitung. Manchmal ist das ok, aber oftmals führt das zu einer eher mittelmäßigen Qualität der Sessions. Bei normalen Unkonferenzen ist das halbwegs verständlich, denn die Teilgebenden wissen nicht, ob Session drankommt (weil bereits alles Slots durch andere Sessions gefüllt wurden, da andere Teilgebende vor einem bei der Sessionplanung dran gekommen sind). Und genau das wollten wir ebenfalls vermeiden. Durch die Auswahl der Sessions im Vorfeld wussten alle Session-Gebenden, dass sie tatsächlich dran kommen – und konnten sich jetzt gut vorbereiten, denn sie wussten nun, dass sie ihre Session halten werden.

Mir scheint es sich hier um ein komplementäres Verhältnis zu handeln. D.h., ich tausche mit der höheren Planungssicherheit ein, die Selbstbestimmung am Tag der Konferenz deutlich kleiner zu machen bzw. tatsächlich auf „klassisches“ Konferenzniveau zu gehen.

Hier fehlt mir das Verständnis: Wieso sollte die Selbstbestimmung bei der Veranstaltung kleiner sein? Wir hatten zu keinem Zeitpunkt gesagt oder geschrieben, dass die Teilnehmenden in einer einmal ausgesuchten Session zu bleiben hätten. Alle konnten zu jedem Zeitpunkt beliebig die Sessions wechseln.

Räumliches Setting

Alexander schrieb:

Was für mich gar nicht mehr funktionierte, waren dann die verschiedenen Sessions oder auch Streams. Es war zumindest mir nicht ohne weiteres möglich, mich auf die Inhalte zu konzentrieren, weil der Umgebungslärm einfach zu groß war.

Das sehen wir exakt genauso und hatten es bereits in unserer ersten Mail an alle Teilnehmer*innen nach der Veranstaltung so formuliert: „Raum/Akustik (20% der Feedbackkarten): Einige von Euch erlebten es als problematisch, dass wir keine (ausreichend) getrennten Räume für die einzelnen Workshops und Sessions hatten. Dadurch war es teils akustisch schwierig zu folgen. Klipp und klar: Wir können diese Punkte vollkommen nachvollziehen und haben es selbst ähnlich erlebt. Somit werden wir dafür sorgen, dass dies bei der #NKNA19 anders wird. Versprochen.“ Dem haben wir nichts mehr hinzuzufügen.
Und dann kam eine Kritik, die ich persönlich allerdings nicht im Geringsten verstehe:

… warum die Diskussion um neue Konzepte neuer Arbeit, die ja explizit auch die digitale Zusammenarbeit betrifft, immer nur analog, also im Sinne einer Face-to-Face Kommunikation organisiert wird. … Aber ich habe den Eindruck, es wird gar nicht einmal der Versuch gemacht, den Raum einer Konferenz auszuweiten, um die digitalen Möglichkeiten tatsächlich zu nutzen.

Das systemische Online-Konsensieren zur Sessionplanung war genau so ein digitaler, virtueller Raum. Darüber hinaus hatten wir sogar schon weitere Ideen für die virtuelle Erweiterung der Veranstaltung im vor- und nachhinein. Dass wir dies noch nicht bei der NKNA18 umgesetzt hatten, war einfach unseren mangelnden personellen Ressourcen geschuldet. Wir haben die Veranstaltung hauptsächlich zu dritt ab Mitte März bis Mitte Juni innerhalb von drei Monaten auf die Beine gestellt. Sehr gerne hätten wir auch noch unsere weiteren Digitalisierungsideen umgesetzt. Ging nicht. Aber, Alexander: bei der NKNA19 sehen wir gute Chancen, dass dann zu realisieren. Denn wir sind ganz bei Dir: Es ist hochgradig sinnvoll, den realen Face-to-Face Raum virtuell zu erweitern.

Inhalte

Last not least reflektierte Alexander die Inhalte der Veranstaltung, will heißen: die Keynotes. „Im Nachgang betrachtet stellten für mich die beiden Keynotes von Shelley Sacks (Sektor Kunst) und Jessica Wigant (Sektor Wirtschaft) die größte inhaltliche Bereicherung dar. Insofern war das Einbeziehen von Keynotes, vulgo Vorträgen mit Diskussion, eine gute Sache.“ Allerdings verschweigt Alexander nicht die Schwierigkeiten und Bauchschmerzen, die er mit der Keynote aus dem Bereich „Politik“ hatte:

Rein argumentativ hatte er es geschafft, innerhalb der ersten 5 Minuten das Thema Demokratie auf Politik einzugrenzen und dann noch einmal Politik auf Parteipolitik zu reduzieren.

Alexander, nimm’s mir nicht übel, aber da fällt mir spontan nur diese Antwort ein: Äh, ja. So war es ja auch gewollt – und kommuniziert. Jason vertrat den Sektor POLITIK. Und deshalb war es genau das, was WIR wollten. Demokratie nicht als unternehmerisches Thema (zB Führungskräftewahlen, Partizipation, kollektives EntscheidungsDesign etc.), sondern als (gesellschafts-)politisches Thema. Dass er in diesem Kontext auf Parteienpolitik einging, war uns nicht nur klar, sondern auch Recht. Wir hatten im Vorfeld sein aus unserer Sicht immer noch absolut empfehlenswertes Buch „Gegen Demokratie“ durchgearbeitet und ihn genau auf dieser Grundlage eingeladen. Es gab dazu sogar im Vorfeld von mir eine Rezension dieses Buches, die wir auch via Social Media und auch auf unserer Eventwebsite geteilt hatten.

Ich persönlich halte dieses Vorgehen für grundverkehrt und darüber hinaus seine Thesen für empirisch nicht haltbar. Aus diesem Grund habe ich mich auch nicht mehr an der Diskussion beteiligt.

Brennan hat selber empirische Studien durchgeführt und immer wieder auf empirische Studien anderen (empirischer) Politikwissenschaftler verwiesen. Insofern hätte ich hier gute Lust, mit Dir an anderer Stelle in ein vielleicht öffentliches Streitgespräch zu gehen. Meine erste Reaktion: Brennan hat empirische Belege aufgeführt, sowohl (haufenweise) im Buch, natürlich ordentlich zitiert, wie auch bei der Keynote. Insofern müsstest Du jetzt diese Studien widerlegen. Ich finde es tatsächlich sehr schade, dass Du Dich durch deine Sichtweise, Brennans Vorggehen für „grundverkehrt“ zu halten, sowie seine aus Deiner Sicht empirisch nicht haltbaren Thesen von der Teilnahme an der Diskussion hast abbringen lassen. Ich hätte es äußerst wertvoll gefunden, wenn Du mit Brennan selbst in die Auseinandersetzung gegangen wärst. Wie schade, Alexander!

Auf einmal kam mir auch wieder in den Sinn, dass ich den Titel der Konferenz immer ein wenig störend fand. Er lautete nämlich: „Die Angst vor der Freiheit“. Angst von wem? Welche Freiheit? … Zumindest dann, wenn es sich darauf beziehen sollte, dass die Beschäftigten Angst davor hätten, in der Arbeit Demokratie zu praktizieren und Freiheit zu (er-) leben, würde ich widersprechen.

Auch dies verwundert mich. Auf unserer Website stand:

„Die Auftaktveranstaltung der priomy.events-Reihe trägt den Titel „Die Angst vor der Freiheit“. Aus gutem Grund: Wenn sich Organisationen wandeln, indem traditionelle Hierarchien aufgelöst werden, ist Angst eine der größten Blockaden:

  • die Angst der Führungskräfte vor dem Verlust von Gestaltungsmacht, Privilegien und finanziellen Einbußen,
  • die Angst der Mitarbeiter*innen vor der Übernahme von Verantwortung und Fehlern in neuen Führungsrollen
  • und die Angst vor dem gemeinsamen großen Gestaltungsraum.“

Last not least: Da haben wir wohl unterschiedliche Erfahrungen gemacht. All die oben aufgeführten Punkte habe ich immer wieder in Veränderungs- und Transformationsprozessen hin zu Unternehmensdemokratie oder Selbstorganisation erlebt. So wie viele andere auch, mit denen wir im Vorfeld der Veranstaltung gesprochen hatten.

Summa Summarum: Danke, Alexander, für Deinen wertvollen Beitrag. Und ja: wir kommen gerne im Zuge der Planung der NKNA19 auf Dich zu!

Herzliche Grüße

Andreas

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Snapshot des Blogbeitrags von Alexander
  • Barcamp Grid: Tara Hunt, CC BY-SA 2.0
  • Systemisches Online-Konsensieren: Screenshot unserer eigenen Konsensierung
  • Website priomy.events: Screenshot unserer eigenen Website
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