Der Begriff des „New Work“ ist en vogue und viele Organisationen schreiben ihn sich auf die Fahnen, egal ob das, was sie da tun nun wirklich mit „New Work“ zu tun hat oder auch nicht. Mit Selbstorganisation hat das jedenfalls nur selten etwas zu tun – da ist schon der Sand vom Ansatz her im Getriebe. Aber lassen wir diesmal die vielen Bällebad- und Homeoffice-Blender-Unternehmen beiseite, denn um die soll es in diesem Beitrag nicht gehen. Schauen wir auf Unternehmen, die sich „ernsthaft“ damit auseinandersetzen, sich selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu organisieren. Denn auch hier gilt leider: Gut gedacht, ist noch lange nicht gut gemacht. Und die daraus gewonnenen schlechten Erfahrungen und misslungenen Experimente bringen leider nicht nur wichtige Erkenntnisse. Denn, wenn das Misslingen nicht dem „Wie“, sondern ursächlich der Idee angelastet wird, tragen diese negativen Erlebnisse mindestens genauso dazu bei, dass der Begriff des „New Work“ immer stärker verwässert und negativ besetzt wird, wie die oben genannten New-Work-Vorgaukler.

Auch wenn ich Simon Sineks „Frage immer erst warum“ durchaus folgen kann und es für wichtig halte, sich bei allem, was getan wird, zuerst im Klaren darüber zu sein, warum es gemacht wird, reicht das alleine noch nicht aus. Eine Überlegung, „Wie“ ich die Dinge tue, muss meistens zwingend folgen. Vor allem, wenn es etwas Neues ist, was ich da mache, sonst kann das fürchterlich in die Hose gehen. Eine Anwesenheit der Ziele in den Mitteln und Methoden ist dabei übrigens äußerst vorteilhaft. Um das zu illustrieren präsentiere ich nun die ultimativen Tipps, wie man seinen Transformationsprozess hin zur Selbstorganisation so richtig schön in den Sand setzen kann.

Baldowere Deine Ideen alleine im stillen Kämmerlein aus!

Du hast erkannt, dass Selbstorganisation genau Dein Ding und das Beste für Dein Unternehmen ist!? Super, dann überlege Dir alleine und klammheimlich, wie für Dich selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Arbeiten in Deiner Organisation auszusehen haben. Fremde Meinungen stören dabei nur und machen die Dinge unnötig kompliziert. Lies‘ ein bisschen in der gängigen Fachliteratur aus den einschlägigen Bestsellerlisten und bastle Dir aus den darin genannten Beispielen eine Präsentation zusammen, die Deinen Mitarbeiter*innen zeigt, wie das Deiner Meinung nach grob auszusehen hat.

Überrasche Deine Mitarbeiter*innen!

Mit dieser tollen Präsentation überraschst Du Deine Mitarbeiter*innen bei einer Vollversammlung. Präsentiere Deine Vorstellungen von Selbstorganisation und verkünde am Schluss, dass ab sofort selbstbestimmt und eigenverantwortlich gearbeitet wird. Ein Plan, was nach Deiner Verkündung passieren soll ist unnütz, organisiert sich ja jetzt alles von selbst! Damit die Mitarbeiter*innen nicht ganz ohne etwas in der Hand dastehen, verteile als Geschenk eines der Bücher, die Du gelesen hast, dort können sie nochmal genau nachlesen. Und Du sparst Dir die Mühe alles verstanden zu haben und musst nicht jedes Detail haarklein erklären.

Überlasse alles Weitere sich selbst!

Da nun alle Bescheid wissen, kannst Du Dich wieder in Deinen normalen Alltag stürzen, die organisieren sich jetzt alle selbst. Die wollten das doch so, oder…? Egal, wenn nicht, müssen sie sich halt dran gewöhnen, so lange alles nach Deinem „Plan“ läuft, kann nichts schiefgehen. Krude Ideen, wie einen Tag oder gar ein Wochenende damit zu verbringen, ein gemeinsames Verständnis für das, was da gerade in der Organisation passiert zu entwickeln, solltest Du rigoros ablehnen. So was braucht nun wirklich kein Mensch, bei solchen Zusammenkünften wird doch nur rumgelabert und nichts gemacht. Und hey, das ist Deine Idee, Du weißt doch genau, was richtig und wichtig für die Selbstorganisation ist!

Hole Dir auf keinen Fall Externe ins Haus, die sich damit auskennen!

Externe Berater*innen sind Teufel, die nur Böses im Schilde führen.

Externe Berater*innen meidest Du am besten, wie der Teufel das Weihwasser! Diese Typen wollen nur Deine Kohle und reden einen Haufen komisches Zeug, das kein normaler Mensch verstehen kann. Die faseln Blödsinn und versuchen Dir einzureden, dass die Mitarbeiter*innen miteinbezogen werden sollten und man ja erstmal fragen könnte, was sie unter selbstbestimmten Arbeiten eigentlich verstehen, wo sie aktuell der Schuh drückt und welche Themen sie miteinander besprechen wollen, um sich selbst organisieren zu können. Alles viel zu kompliziert, das kannst Du alleine viel besser!

Überprüfe keinesfalls Deine Prozesse!

Der Arbeitsalltag kann im Übrigen einfach so weiterlaufen, wie bisher. Prozesse müssen nicht angepasst werden, nur weil Du die Selbstorganisation ausgerufen hast. Die Prozesse haben ja schon immer wunderbar so funktioniert, wie sie sind, warum sollte das jetzt auf einmal anders sein? Die Mitarbeiter*innen sollen sich gefälligst so selbst bestimmen, dass die Selbstorganisation zu den Prozessen passt.

Fürchte Dich nicht vor unerwarteten Konsequenzen, es wird alles so laufen, wie Du es Dir vorstellst!

Du bist ja weiterhin formal der Chef, das solltest Du nie vergessen. Auch wenn Du gesagt hast, dass es ab jetzt keinerlei Hierarchien mehr gibt, kannst Du immer noch die Leute entlassen, daher kann Dir keiner was. Zeige dies deutlich in Deinem Verhalten, sonst kommen die Mitarbeiter*innen womöglich noch selbstorganisiert auf dumme Ideen! Ergreife bei jeder Besprechung zuerst das Wort, um als erster Deine Meinung kundzutun, dann wissen die Pappenheimer, in welche Richtung der Hase zu laufen hat. Sollte das jemand nicht kapieren, zeige klares Dominanzverhalten, denn da hat dann wohl jemand nicht kapiert, was Sache ist. Reicht das immer noch nicht, brüllst Du sie oder ihn einfach nieder. Keine Sorge, Dein Verhalten kannst Du dann später ganz einfach mit Leidenschaft für die Sache entschuldigen.

Hinterfrage keinesfalls, warum Du das tust!

Falls Du an dieser Stelle doch irgendwann einmal ins Reflektieren kommst, warum Du das mit diesem New Work eigentlich machst, was Deine ursprüngliche Intention war, ob das alles richtig läuft und warum es Mitarbeiter*innen gibt, die da irgendwelche komischen anderen Ideen dazu haben als Du, lass das ganz schnell sein! Womöglich kommst Du ins Zweifeln und musst von Deinem schnurgeraden, ganz klar abgesteckten Weg abweichen. Und möglicherweise kommen die Typen mit diesen anderen Ideen auch noch bei den Kolleg*innen gut an. Solche penetranten Konkurrent*innen, äh Mitarbeiter*innen solltest Du einfach so schnell wie möglich loswerden. Die wollen nämlich gar nicht selbstorganisiert arbeiten! Die haben einfach nicht kapiert, was das eigentlich heißt!

 

Fazit

Wenn Ihr die Selbstorganisation nicht wirklich, wirklich in Eurem Unternehmen einführen wollt, sondern Eigenverantwortung und Selbstbestimmung nur soweit zulassen wollt, wie Sie Eurer Meinung und Euren Ansichten entspricht, seid ihr mit diesen Tipps ganz sicher auf dem richtigen Weg.

Mit besten Grüßen
Stefan Röcker

 

Bildquellennachweis: Headerfoto und Inhaltsfoto – Pixabay, CC0-Lizenz, gemeinfrei

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